US-Präsidentschaftswahl Trump verliert sicher gegen Clinton? Nicht so schnell...

Was wäre, wenn Donald Trump seine ständigen Provokationen plötzlich einstellen würde?

(Foto: AFP)
  • Sollten Hillary Clinton und Donald Trump nominiert werden, rechnen Beobachter mit einer Schlammschlacht.
  • Trumps Skandale helfen Clinton - doch der Republikaner ist inhaltlich sehr flexibel.
  • Bei vielen Amerikanern ist Clinton zudem unbeliebt.
Von Matthias Kolb, Washington

Hässlich. Dieses Wort fällt ständig, wenn über das mögliche Duell zwischen Donald Trump und Hillary Clinton geredet wird.

Im Kampf ums Weiße Haus geht es stets schmutzig zu: Barack Obama sicherte sich 2012 auch dadurch die Wiederwahl, indem er Mitt Romney per "Charaktermord" als gefühlskalten Multimillionär darstellte.

Doch sollten der Immobilien-Milliardär und die Ex-Außenministerin von ihren Parteien nominiert werden, dann rechnen Beobachter mit einer nie gekannten Schlammschlacht. Bill Clintons Sex-Skandale, die toten US-Diplomaten in Bengasi sowie Trumps Affären und Scheidungen - nichts wäre tabu. "Ich werde locker gewinnen", prahlt Trump und betont, dass er sich Clinton noch gar nicht vorgeknöpft habe. Bei Instagram postete er kürzlich einen 15-Sekunden-Clip, der Wladimir Putin und eine bellende Hillary Clinton zeigt.

Is this what we want for a President?

Ein von Donald J. Trump (@realdonaldtrump) gepostetes Video am

In der New Yorker "Hillary 2016"-Zentrale und anderswo wird schon fleißig Material gesammelt. "Die Republikaner haben Trump zu spät und zu zögerlich attackiert", sagt David Brock, der Chef von zwei Pro-Clinton-Organisationen. Das Clinton-Lager will den Amerikanern einhämmern, dass Trump als Geschäftsmann nicht so erfolgreich ist wie er tut - und ständig an seine Beleidigungen erinnern.

Trump hat Mexikaner als "Vergewaltiger" bezeichnet, er nennt Frauen "Bimbo" oder "fettes Schwein", findet Journalisten "ekelhaft" und will Protestierer "ins Gesicht schlagen". Den Einsatz von Folter im Kampf gegen Terroristen hält der Republikaner für angemessen und Muslime möchte er nicht mehr in die USA einreisen lassen.

Wieso Trump angeblich chancenlos ist

Diese Aussagen, so der Konsens in Washington, helfen Trump derzeit, bei den Republikanern Vorwahl um Vorwahl zu gewinnen. Am 8. November stimmt jedoch ein Amerika ab, das "bunter, rationaler, anständiger" und toleranter ist als die weiße, konservative Grand Old Party - also wird Clinton deutlich siegen. Ähnliches vermuten auch die Wettanbieter, die jene Umfragen kennen, wonach Clinton Trump im direkten Duell besiegt.

Hier wird gern auf die blue wall verwiesen, also auf jene 18 Bundesstaaten, die wie der District of Columbia seit 1992 bei jeder Präsidentschaftswahl für die Demokraten gestimmt haben. Clinton habe also bereits 242 der 270 Wahlmänner-Stimmen sicher, was manche Experten jedoch anzweifeln (etwa Statistik-Guru Nate Silver. Zudem hat Trump die Vorwahlen in fast allen Staaten gewonnen, die 2012 für Obama votierten.)

Doch dieses Argument übersieht noch einen anderen Punkt: Natürlich lassen sich mit Verweis auf Trumps Sprüche Latinos und Studenten gut mobilisieren. Aber anders als Ted Cruz ist Trump kein Ideologe, der aus Überzeugung an Positionen festhält. Trump will bejubelt werden - und für mehr Beifall wird er sich neu erfinden (seine Botschaft "Make America great again" lässt viel Spielraum zu).

Trump könnte plötzlich viel moderater werden

Derek Thompson hat im Atlantic dieses Gedankenexperiment ausgeführt. Warum sollte Trump nicht plötzlich von der Bühne gehen, wenn es bei einem Event zu Gewalt kommt? Wieso nicht das Einreiseverbot gegen Muslime zurücknehmen und darüber reden, wie er Latinos helfen werde, die unter seiner Präsidentschaft legal einwandern dürfen (etwas, das Cruz ablehnt)? Abgesehen von der "Mauer zu Mexiko" ist quasi alles verhandelbar. Bisher folgen ihm seine Anhänger auf seinem Zick-Zack-Kurs und ignorieren seine fehlende Faktentreue, weil sie bewundern, dass er seine Kandidatur größtenteils selbst finanziert und daher als unkorrumpierbar gilt.

Der meistgeteilte Facebook-Post aller Zeiten

Er wurde von einem Mann aus New York verfasst, brach schon nach acht Stunden den Rekord und dreht sich um: Donald Trump. mehr ... jetzt

Was in der deutschen Berichterstattung oft untergeht: Viele von Trumps Positionen sind weder radikal noch konservativ, sondern bei der breiten Masse beliebt. Im Gegensatz zu Hardliner-Konservativen lehnt er Kürzungen im Sozialsystem (Renten, Krankenversicherung) ab, will Steuer-Milliarden in die marode Infrastruktur investieren und das Militär seltener im Ausland einsetzen. Höhere Steuern für Superreiche? Der Milliardär hat damit kein Problem.

"Er hat keine Ideologie, sondern handelt eher aus Instinkt", sagt der Republikaner Patrick Buchanan, der zwei Mal vergeblich fürs Weiße Haus kandidierte. Und Trumps Instinkte passen ziemlich gut zu frustrierten, älteren Männer aus Staaten wie Pennsylvania, Ohio oder Michigan. (Es gibt indes auch viele weibliche Trump-Fans und solche mit Uni-Abschluss).

Dort, im Rust Belt, wo viele Fabriken vor sich hin rosten und Industriejobs verloren gegangen sind, kommt Trump mit seiner Botschaft "Freihandel ist schlecht und die Eliten scheren sich nicht um euch" besonders gut an. "Wenn Trump viele weiße Männer an die Urnen bringt, dann könnte dies vieles verändern", raunt ein Veteran der Obama-Kampagnen in der Washington Post.

Ruy Teixeira, der beim liberalen Center for American Progress über die US-Bevölkerung forscht (sie wird jünger, dunkler und spricht oft spanisch), fasst es so zusammen: Trump müsste wie Ronald Reagan 1984 mindestens zwei Drittel der weißen Stimmen einsammeln, um Verluste in von hispanics geprägten Staaten wie Colorado, Florida, Nevada oder North Carolina auszugleichen. "Das ist ziemlich schwer, doch ich würde so ein Szenario nicht völlig ausschließen", sagt Teixeira in der New York Times. Ähnlich äußert sich der Demograph William Frey von der Brookings-Denkfabrik.