Deutschland und die USA Großer Bruder

Die Liebe sei erkaltet, hieß es. Die Deutschen seien keine Obama-Fans mehr. Oh, really? In Berlin lächelt der US-Präsident solche Debatten einfach weg. Er streichelt Gauck, er herzt Merkel und liefert eine eindrucksvolle 25-Stunden-Big-Brother-Show.

Von Michael König, Berlin

Das Sakko muss weg. "Feel free", sagt Barack Obama. Man dürfe es ihm gleichtun. Es sei schließlich heiß in Berlin, sehr heiß. 36 Grad auf dem Pariser Platz, wo der US-Präsident seine Rede hält. Und außerdem sei man doch hier unter Freunden. Da müsse es nicht so förmlich zugehen.

"Hello Berlin!", ruft Barack Obama am Brandenburger Tor. "Herzlich willkommen bei Freunden", so sagt es Angela Merkel, als sie ihn dort begrüßt. Der Satz steht so nicht im Manuskript der Bundeskanzlerin. Es ist wohl ein spontaner Einfall, der an das Motto der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 erinnert. "Die Welt zu Gast bei Freunden", hieß es damals. Seitdem ist einiges schief gelaufen im deutsch-amerikanischen Verhältnis.

Guantanamo, Drohnen-Krieg, Prism. Um nur einige Schlagworte zu nennen. Ist Obama noch ein Freund, ein großer Bruder der Deutschen? Oder eher "Big Brother" aus dem Roman 1984 von George Orwell, der seine Macht missbraucht? Vor dem Berlin-Besuch des US-Präsidenten haben viele diese Frage gestellt. Ein Kolumnist der New York Times unkte, Obama werde in Berlin ein "German Storm" drohen und Vergleiche mit der Stasi.

Lächeln, Herzen, Schmeicheln

Alles kein Thema. Obama lächelt, herzt, schmeichelt die Debatte weg. Das geht am Mittwochmorgen mit Bundespräsident Gauck los. Die beiden gehen beinahe zärtlich miteinander um, Obama klopft Gauck immer wieder auf den Rücken. Arm in Arm gehen sie durch den Garten von Schloss Bellevue. Die Fotos erinnern an ein tanzendes Paar.

Doch es sind nicht nur die Gesten. Gauck, der ehemalige Bürgerrechtler, hat Erklärungsbedarf angemeldet, was das Spähprogramm Prism angeht, mit dem der US-Geheimdienst NSA auch ausländische Bürger überwacht. Die beiden Präsidenten ziehen sich in Gaucks Amtszimmer zurück, durch das Fenster sieht man den Deutschen nicken. Obama, so ist zu hören, antwortet ausführlich. Er bittet um Verständnis, immer wieder an diesem Tag.

Auch im Kanzleramt. Ob es ihm gelungen sei, die Sorgen der Deutschen zu zerstreuen, wird Obama gefragt, nachdem er hinter geschlossenen Türen mit Angela Merkel gesprochen hat. Das heißt, eigentlich ist die Frage an Merkel gerichtet. Aber Obama beantwortet sie, noch bevor Merkel dran ist. Es ist ihm wichtig, das macht er klar.

"Ich habe die Vorgängerregierung kritisiert, weil sie meiner Meinung nach unsere Werte verletzt hatte", sagt Obama. Bei seiner Amtsübernahme habe er sich verpflichtet, jene Werte hochzuhalten, aber auch das amerikanische Volk zu schützen. Es gehe darum, die "Balance" zwischen Privatheit und Sicherheit finden, und er habe sie gefunden. Das NSA-Programm Prism habe Leben gerettet, nur ausgewählte Daten würden untersucht. Alles werde stets richterlich geprüft, etwa bevor Telefonate abgehört werden dürfen.

Obama sagt diese Dinge, die den Enthüllungen des NSA-Whistleblowers Edward Snowden zum Teil krass widersprechen, mit der ihm eigenen Souveränität. Es wirkt, als sei er hier der Hausherr. Als eine deutsche Journalistin später mehrere Fragen an beide stellt, will Obama nicht gleich verstanden haben. Merkel kiekst von der Seite: "Zu Guantanamo soll ich was sagen, zu Drohnen du." Die Journalisten lachen, Merkel zuckt schüchtern mit den Schultern.

Merkel duzt Obama, das passt. Die Kanzlerin, die Berührungen bei solchen Terminen eigentlich meidet, legt Obama am Brandenburger Tor gar die Hand auf die Schulter. Gesten der Brüderlichkeit, der Freundschaft, der Augenhöhe?

Nein, so weit geht es nicht. Obama stellt die Berliner in seiner Rede am Brandenburger Tor, dem Höhepunkt seines Besuchs, zwar als Vorkämpfer für die Freiheit dar. Aber er betont auch, wie sehr die USA geholfen hätten. Und er ermahnt die Deutschen, sie sollten sich nicht nur an Kennedys Zitat "Ich bin ein Berliner" zu erinnern. Sondern auch daran, dass er in derselben Rede vor etwa 50 Jahren gesagt habe: "Hebt Euren Blick auch über die Aufgaben von heute hinaus." Es gebe noch viel Arbeit, aber "wir werden sie erledigen".

Wir Amerikaner, wir Deutsche? Da wird an diesem Tag, der mit einem Festbankett im Schloss Charlottenburg und dem Rückflug der Obamas nach Washington endet, kein Unterschied gemacht.