Das Urteil des Haager Tribunals gegen den Kriegsverbrecher Gotovina erschüttert das kroatische Selbstverständnis - und richtet sich auch gegen den verstorbenen Präsidenten Tudjman. Doch im benachbarten Serbien sollten sie nicht zu laut jubeln.
Franjo Tudjman, der erste Präsident des unabhängigen Kroatien, ist längst tot. Doch am Freitag wurde auch er - wenigstens symbolisch - vom Haager Tribunal als Kriegsverbrecher verurteilt.
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Ein Anhänger von Ante Gotovina demonstriert in Zagreb gegen das Haager Urteil. Vielleicht beginnt jetzt dennoch in Kroatien ein wirklich kritischer Blick auf die eigene Vergangenheit. (© AFP)
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In ihrem Urteil gegen zwei kroatische Generäle kommen die UN-Richter eindeutig zum Schluss, dass Tudjman im Sommer 1995 zusammen mit seinen Vertrauten die vollständige Vertreibung der serbischen Minderheit aus der aufständischen Region Krajina geplant und mit brutaler Gewalt teilweise auch verwirklicht hat. Als Handlanger für diese mörderische Aktion diente dem Autokraten Tudjman vor allem der ehemalige Fremdenlegionär Ante Gotovina, der nun eine Gefängnisstrafe von 24 Jahren verbüßen wird.
Das Urteil des Tribunals erschüttert das kroatische Selbstverständnis, wonach die Rückeroberung der Krajina eine saubere Militäroperation gewesen sei. Vielleicht beginnt erst jetzt in Kroatien ein wirklich kritischer Blick auf die eigene Vergangenheit. Das könnte dem Land nur helfen im Hinblick auf den EU-Beitritt.
Das Urteil ist eine Genugtuung für die serbischen Vertriebenen. Sie leben seit fast 17 Jahren in Armut und Perspektivlosigkeit in Serbien und in Bosnien. Die kroatischen Behörden müssen sich ernsthaft für ihre Rückkehr einsetzen. Dazu gehören auch die Rückgabe des Eigentums und die wirtschaftliche Entwicklung der früher serbisch besiedelten Gebiete.
Belgrad sollte aber nicht zu laut jubeln, denn mit dem Richterspruch wird die Geschichte der Balkankriege zwar korrigiert, aber nicht revidiert. Kroatien war in der ersten Hälfte der 1990er Jahre Opfer der großserbischen Eroberungspolitik. Daran ändert auch das gerechte Urteil gegen die Generäle nichts.
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(SZ vom 16.04.2011/jab)
Bundespräsident Gauck
Lieber Autor,
immerhin differenzieren Sie ein wenig die Thematik.
Ich schliesse mich den anderen pro Ante Kommentaren an.
Es war ein legitimer Verteidigungskrieg, welcher 1993 durch eine UN Resolution- mit der Anerkennung der eigentlichen Grenzen Kroatiens durchgeführt wurde.
Die amerikanische Botschaft in Zagreb hat ein sehr gutes Statement zu dem Urteil veröffentlicht, indem Sie darauf hinweist, dass das Urteil erst nach der Revision rechtskräftig werden kann.
Ich drücke den Anwälten die Daumen und hoffe nun auf die volle Unterstützung seitens der kroatischen Regierung, für die kroatischen Generäle.
Der Hesse
Es dürfte aber zutreffen, dass auf beiden Seiten Verbrechen geschehen sind.
Ich habe bislang noch nie erlebt, dass sich in Kroatien Personen über alle politischen Ausrichtungen hinweg derart einig waren. Jetzt ist es soweit.
Prozesse haben, gerade in Verbindung mit den Verbrechen während der Oluja, durchaus stattgefunden. Niemand bestreitet, dass diese während der Oluja geschahen. Insofern löst dieser Kommentar - nichts für ungut, Herr Robelli - bei mir nur Kopfschütteln aus.
Eine Militäroperation, bei der über 100.000 (!) kroatische Soldaten beteiligt waren, die zur Rückgewinnung EIGENEN Territoriums geführt hat, wird hier kriminalisiert und dass in so dreister Weise, dass es einem die Sprache verschlägt. Hier wurde nicht irgendeine abstruse Freiheit am Hindukusch verteidigt, sondern die eigene!
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass hier ein Organ der UN 'Recht' gesprochen hat - derselben UN, die noch im Juli '95 dem Genozid in Srebrenica zugesehen hat. Und noch weiter zugesehen hätte.
Eine derartige "Korrektur" der Geschichte verdreht die tatsächlichen Ereignisse bis ins Unkenntliche. Ich fürchte um die Auswirkungen in Kroatien, die sich derzeit mit dramatisch sinkenden Zustimmungsraten zur EU bereits erkennen lassen.
@Orakel007, sehr guter Kommentar.
Der größte Skandal ist aber in der Urteilsbegründung, das die aus humanitären Gründen für die Flüchtenden freigehaltenen Korridore nach Bosnien nun als systematische Vertreibung dargestell wurde, obwohl gerade DIESE verhinderten das wer weis wieviele tausend Zivilisten sonst umgekommen wären, da die kroatische Armee diese völig eingekesselt hatten.
Ebenso wird unterschlagen das es Gotovina zu verdanken ist das Bihac in Westbosnien befreit wurde, das kurz vor dem Fall stand und dem durch die Serben ein zweites Massaker wie Srebrenica drohte.
Bei dem Urteil von Den Haag handelt es sich offensichtlich um ein pro-serbisches Tribunal, in dem Ante Gotovina als Opfer dient. Sein Beweismaterial wurde in diesem Prozess systematisch ignoriert. Die Revision wird hoffentlich zu Tage fördern, dass der General der Gegenwehr keine Morde an Zivilisten zu verantworten hat. Zudem Gotovina es doch selber war, der diese Untersuchungen in die Wege gebracht hat!
Ein Krieg ist immer furchtbar, auch mit seinen ungerechten Konsequenzen an Zivilisten. Belegbar ist es, dass es sich hier nicht um einen "Bürgerkrieg" handelte, wie man es heute glaubend machen möchte, sondern dass Kroatien in einem versuchten Blitzkrieg von den serbischen Jugoslawen überfallen wurde. Dafür zeugen die Bilder aus Vukovar (siehe in youtube), wo die jugoslawische Armee und die Tschetniks grauenhaftes Unrecht an Zivilisten angerichtet haben. Die wunderschöne Stadt Vukovar wurde brustalst möglich dem Erdboden gleich gemacht. Selber hat meine Frau als Einheimische im nahen Osijek erleben müssen, wie die Serben ihr Land überfielen und wie Kroaten dabei nicht selten sogar von direkten serbischen Nachbarn verraten wurden.
Dass man nun heute in so einem Prozess Kroaten auf eine Bank mit Aggressoren = Kriegsverbrechern setzt, das ist eine Geschichtsverdrehende Ungerechtigkeit! Weil die Kroaten ihr Land lieben und verteidigt haben, dafür sind sie weder Faschisten, noch sind sie Mörder - auch wenn es in Kriegen immer zu Ausschreitungen kommt! Von Kroatien aus wurde nie ein grenzüberschreitender Krieg geführt; es wurde aus der Defensive gehandelt, wobei Gotovina als General sein Land befreit und eine Fortführung der Demokratie ermöglicht hat. Kein Prozess kann es schaffen, dass ihm nicht alle Kroaten für seine militärischen Verdienste danken.