Unterbringung von Asylbewerbern "Unheilige Allianz" zwischen Betreibern und Kommunen

Die Geschäfte solcher Unternehmen laufen nicht selten auf Kosten der Flüchtlinge. Matthias Weinzierl vom Bayerischen Flüchtlingsrat sammelt seit Monaten Angebote und Hochglanz-Broschüren, die bei ihm eingehen. Hersteller von Metallbetten und -schränken preisen da ihre "Leckerbissen" an, ein Containerhersteller wirbt mit einem afrikanischen Mädchen, das in die Kamera lacht, im Hintergrund strahlend blauer Himmel und eine Reihe gelber Wohncontainer. "Befremdlich" findet Weinzierl es, wenn die Firmen ihre Produkte beim Flüchtlingsrat anpreisen. Schließlich setzt sich die Organisation dafür ein, dass Flüchtlinge so wohnen können wie andere Leute eben auch: in Wohnungen.

Heile Welt: Werbe-Broschüre für Wohn-Container

(Foto: Quelle: Fagsi)

Auch der sächsische Heim-TÜV zeigt, dass die Großunterkünfte privater Betreiber auffällig oft Mängel aufweisen. Dort ist von Schimmel- und Schädlingsbefall die Rede. Trotzdem setzt Sachsen wie kaum ein anderes Bundesland bei der Unterbringung von Flüchtlingen auf gewinnorientierte Unternehmen.

Allerdings: Selbst wenn Kommunen einsehen, dass eine Unterbringung in Privatwohnungen sowohl für die Flüchtlinge als auch für die Akzeptanz der Bevölkerung am besten wäre, ihre Verhandlungsposition ist schlecht. Nicht selten müssen sie nehmen, was ihnen angeboten wird. Pro Asyl spricht von einer "unheiligen Allianz" zwischen Betreibern und Kommunen.

Gegenmodell zu den Großunterkünften

Einen anderen Weg versucht Freyung im Bayerischen Wald zu gehen: Die verschuldete Stadt hat für vier Millionen Euro eine alte Kurklinik gekauft, die 15 Jahre leer stand, und betreibt diese nun selbst als Unterkunft für die Erstaufnahme. Ausstattung, Renovierung und Unterbringung in der ehemaligen Kurklinik bezahlt die Regierung von Niederbayern. Gewinn wolle die Stadt Freyung damit nicht erwirtschaften, sagt Verwaltungsleiter Herbert Graf. "Uns geht es darum, die Nachbarn einzubinden, die Flüchtlinge ordentlich unterzubringen - und darum, dass wir nicht draufzahlen."

Seiner Erfahrung nach seien private Betreiber oft auf Gewinnmaximierung aus. "Die sparen, wo es geht", sagt Graf. Er dagegen ist stolz darauf, dass neben Sicherheitspersonal auch vier Hausmeister in der 400-Personen-Unterkunft beschäftigt sind und dass die Teppichböden regelmäßig gereinigt werden.

Im Haus von Verena Stork in Kassel entsteht ein Gegenmodell zu den Großunterkünften. Die früheren Eigentümer der Doppelhaushälfte wohnen weiterhin im Erdgeschoss und kommen gut mit den acht Syrern aus. Das ältere Paar pflegt den Garten, man leiht den jungen Männern Schraubenzieher, im Gegenzug laden die ihre Nachbarn zum Tee ein. Sechs Flüchtlinge leben auf den rund 65 Quadratmetern im ersten Stock, im Dachgeschoss zwei weitere. Die Männer sind zwischen 20 und 40 Jahren alt. Der junge Mann, der zu Fuß aus Syrien nach Deutschland kam, wartet noch auf die Anerkennung seines Asylstatus. Wenn ihm an den besonders grauen Tagen die Decke auf den Kopf fällt, geht er manchmal hinters Haus und tollt mit dem Hund der Mieter aus dem Erdgeschoss durch den Garten.

"Eine gewisse Betreuungsleistung ist inbegriffen"

Stork will die Schicksale ihrer Mieter nicht allzu nah an sich heranlassen. In den ersten Wochen waren sie und ihr Mann trotzdem jeden Tag in der Wohnung, haben ihnen beim Papierkram geholfen und eine Internetverbindung eingerichtet, damit sie mit ihren Angehörigen in Kontakt bleiben können. "Ich sehe das so, dass mit der Pauschale, die wir bekommen, auch eine gewisse Betreuungsleistung inbegriffen ist", sagt Stork. Ob die Betreiber großer Unterkünfte ihre Aufgabe auch so verstehen, dürfte fraglich sein.

Die Stadt Kassel hat inzwischen zwölf Häuser von Privatleuten angemietet und bekommt wöchentlich neue Angebote. "Oft sind es aber ungeeignete Häuser: mit maroder Bausubstanz oder mitten im Industriegebiet", berichtet Mario Neumann vom Sozialamt. Noch könne er Häuser ablehnen, die ungeeignet sind. "Aber wenn man nehmen muss, was man angeboten bekommt, hat man schlechte Karten." Die Anmietung von Privatwohnungen läuft allerdings auch in Kassel nebenbei, die meisten Flüchtlinge leben auch hier in großen Unterkünften. Sonst reiche der Platz nicht für alle, die ankommen. Im Mai soll eine weitere Gemeinschaftsunterkunft hinzukommen, sagt Neumann. Das ist dann die fünfte, mit Platz für 200 Menschen.

Vor der weißen Fassade der Doppelhaushälfte in Kassel-Forstfeld stehen drei Mülltonnen: Papier, Bio, Restmüll. Wie das mit der Mülltrennung in Deutschland funktioniert, hat Verena Stork ihren Mietern mit Hilfe eines befreundeten Syrers erklärt, der übersetzte. Auch wenn es Kleinigkeiten sind, man könnte sagen, hier findet Integration statt.