Umberto Eco über den Zusammenhalt in Europa "Nur die Kultur verbindet uns"

Der italienische Schriftsteller und Philosoph Umberto Eco wünscht sich eine stärkere europäische Identität. Er fordert ein verpflichtendes Austauschprogramm für Berufstätige - und will die Bildnisse von Thomas Mann, Roberto Rossellini und Claude Chabrol auf den Euro-Scheinen sehen. Nur gemeinsame Symbole könnten die Menschen wirklich begeistern.

Von Gianni Riotta ("La Stampa")

Umberto Eco ist eben aus Paris in sein Mailänder Büro zurückgekehrt. Der französische Präsident Nicolas Sarkozy hat den italienischen Schriftsteller, Philosophen und Semiotik-Professor dort zum "Commandeur" der Ehrenlegion erhoben. Genau in den Stunden, als die Schlacht um Frankreichs Rating tobte. "Schön", meint Eco, "dass Sarkozy trotzdem dabei war."

Eco fand es auch aufregend, in Griechenland das Großkreuz des Dodekanes verliehen zu bekommen. Es wird in der Grotte von Patmos überreicht, wo der Heilige Johannes die Offenbarung der Apokalypse geschrieben haben soll. Eco erzählt das und lacht dabei. Wenn das Treppensteigen ihn anstrengt, dann lacht er auch und sagt: "Wir sind doch nicht mehr siebzig, mein Freund." 80 Jahre alt ist er gerade geworden.

Einer der Vorzüge Europas sei, so sagt Eco, dass er Geburtstagsgrüße vom deutschen Bundespräsidenten und vom spanischen Ministerpräsidenten bekomme. Vor seinem Fenster steht, furchteinflößend, der Riesenbau des Castello Sforzesco und erinnert mit seinen Mauern und Zinnen an die Kriege des Kontinents. "Inzwischen hat die Kultur aus uns, die wir lange nur Brudermörder in den Kriegen waren, Europäer gemacht", sagt Eco.

It´s the culture, stupid

Von Wirtschaft habe er keine Ahnung, gibt der Schriftsteller zu. "Aber wir dürfen angesichts der Schuldenkrise nicht vergessen, dass uns außer den Kriegen nur die Kultur verbindet." Jahrhundertelang hätten Franzosen, Deutsche, Spanier und Engländer einander ohne Vorwarnung erschossen. "Frieden haben wir seit weniger als 70 Jahren, und keiner denkt mehr an dieses Meisterwerk. Sich einen Krieg zwischen Spanien und Frankreich oder Italien und Deutschland vorzustellen, das sorgt heute nur für Heiterkeit." Die Vereinigten Staaten von Amerika, sagt Eco, hätten den Bürgerkrieg gebraucht, um sich wirklich zu vereinen. "Ich hoffe, bei uns genügen dafür Kultur und Markt."

Im Jahr 2000 hatte der deutsche Außenminister Joschka Fischer an der Berliner Humboldt-Universität den Euro zum politischen Projekt erklärt. Anders gesagt: Ohne europäische Integration fehlt der gemeinsamen Währung das Fundament. An Joschka Fischer denkt Eco, während er seinen Espresso trinkt und von den postmodernen Kapseln mit Kaffeepulver schwärmt.

Seine deutsche Frau Renate Ramge Eco dagegen verteidigt das traditionelle italienische Kännchen, in dem man Caffè auf der Gasflamme kocht. "Die europäische Identität ist im Jahre 2012 weit verbreitet", sagt Eco, "aber shallow." Eco verwendet das englische Wort für oberflächlich. "Wir müssen diese Identität einwurzeln, ehe die Krise sie ganz kaputtmacht."

"Die Identität ist oberflächlich"

Wirtschaftszeitungen schrieben zu wenig über das Studienaustauschprogramm Erasmus, findet Eco, "dabei hat Erasmus die erste Generation junger Europäer geschaffen." Er nennt den Austausch eine "sexuelle Revolution": Ein junger Katalane trifft eine Flämin, sie verlieben sich, heiraten und werden Europäer, und genauso ihre Kinder. Eine Weile in anderen EU-Ländern zu leben und sich zu integrieren, das sollte nicht nur für Studenten vorgeschrieben sein, wenn es nach Eco geht, sondern auch für Taxifahrer, Installateure, Arbeiter. Er hat seine Idee vom Erasmus-Jahr für Handwerker und Berufstätige schon einmal auf einer Konferenz von Bürgermeistern aus ganz Europa vorgetragen.

Doch statt des Austauschs und des Stolzes auf Europa dominieren überall, ob in deutschen Massenblättern oder in den populistischen Parteien Finnlands, Ungarns, Italiens und Frankreichs, der Populismus und die Feindseligkeit gegen andere Mitgliedsländer. "Deshalb ist die Identität oberflächlich."