Übergriffe im britischen Parlament Eine "Atmosphäre von Gefahr und Anzüglichkeiten"

Eine Frau geht in London über die Westminster Bridge in Richtung Parlament.

(Foto: AFP)
  • Sexuelle Übergriffe und Anzüglichkeiten haben offenbar eine lange, üble Tradition in der britischen Politik.
  • Immer mehr Frauen sprechen Vorwürfe gegen hochrangige Politiker aus: Sie erzählen von Belästigung, anzüglichen Sprüchen und in einigen Fällen von Vergewaltigung.
  • Einige Parlamentsabgeordnete denken nun über Verleumdungsklagen nach. Andere gaben Übergriffe zu. Nun könnte eine Rücktrittswelle folgen.
Von Cathrin Kahlweit, London

Der britische Verteidigungsminister ist wohl nicht nur wegen eines Knies zurückgetreten. Offiziell heißt es zwar, Michael Fallon habe gehen müssen, weil er vor mehr als zehn Jahren während eines Abendessens seine Hand auf das Knie einer Journalistin gelegt hatte. Seit das bekannt wurde, machten jedoch Gerüchte über weiteres Fehlverhalten des Ministers die Runde. Nun gab dieser seinen Posten auf - nicht, ohne sich selbst einen halben Persilschein auszustellen. Er habe sich in der aktuellen Debatte über das Verhalten von Parlamentsabgeordneten gefragt, ob sein Verhalten immer richtig gewesen sei, erklärte er. Zwar stimme nicht alles, was berichtet werde, aber er sei damals hinter die hohen Standards zurückgefallen, die in der Armee gälten.

Der Minister war am Mittwochabend unter dem wachsenden Druck zurückgetreten, der in London aus einer Debatte über sexuelle Belästigung erwachsen ist; diese nimmt an Fahrt auf und könnte weitere Rücktritte zur Folge haben. May ersetzte Fallon umgehend durch einen engen Vertrauten, Gavin Williamson. Der immerhin steht nicht auf einem als "Sex-Pest-Liste" firmierenden Papier, das seit Tagen in Westminster kursiert. Es enthält die Namen von etwa 40 Tory-Abgeordneten, Staatssekretären und sogar Ministern. Neben Fallon finden sich andere hochkarätige Politiker darauf; ein Staatssekretär und ein Vize von Premierministerin Theresa May stehen weiter in der Kritik.

Britischer Verteidigungsminister tritt nach Belästigungsvorwürfen zurück

Sein Verhalten sei hinter den Standards zurückgeblieben, sagte Michael Fallon. Er soll eine Journalistin sexuell belästigt haben. Premierministerin May nennt seinen Rücktritt vorbildlich. mehr ...

Anfangs nur die Tories, nun auch die Labour Party im Blick

Auch May selbst steht unter Druck, weil immer mehr und immer drastischere Fälle von sexueller Belästigung, zuletzt sogar von K.-o.-Tropfen und Vergewaltigung, bekannt geworden waren. Sie dankte Michael Fallon dafür, wie ernsthaft und seriös er auf die Vorwürfe reagiert habe - und betonte, dass er beispielhaft reagiere. Für Anfang kommender Woche hat die Premierministerin zu einer Krisensitzung im Unterhaus geladen, auf der sie eine Art Taskforce einsetzen will. Diese soll neue Regeln für den Umgang mit sexuellen Übergriffen erarbeiten, die offenbar eine lange und üble Tradition in den historischen Hallen an der Themse haben. Damit kann die Premierministerin jene Handlungsstärke beweisen, die ihr beim Brexit so dramatisch abgeht. Sie reagiert mit demonstrativer Härte - und muss das auch, denn viele Fälle sexueller Belästigung in den Fluren, Büros und Bars von Westminster, aber auch außerhalb des Parlaments, füllen derzeit die Titelseiten aller britischen Tageszeitungen. Und es werden immer mehr.

Spiegelten die Vorwürfe, die auf der mutmaßlich von Parlamentsmitarbeitern erstellten Liste zu finden sind, anfangs noch ein Sammelsurium unterschiedlichster, teils harmloser Vorfälle, so gehen jetzt auch Frauen an die Öffentlichkeit, die in der Vergangenheit Opfer sexueller Übergriffe bis hin zu Vergewaltigungen geworden waren. Und standen anfangs nur die Tories im Fokus, so ist nun auch Labour ins Visier der Debatte geraten. Losgetreten wurde sie durch den Missbrauchsskandal um den US-Filmproduzenten Harvey Weinstein, dem vorgeworfen wird, Frauen über Jahrzehnte hinweg belästigt und in mehreren Fällen vergewaltigt zu haben.

Dass diese Debatte nun in London mit einer ungeahnten Intensität losgebrochen ist, dürfte darauf zurückzuführen sein, dass Machtmissbrauch in Form von sexuellem Missbrauch bislang nicht sanktioniert wurde und, wie Parlamentsmitarbeiter in diversen Medien beklagen, rund um das Parlament eine "Atmosphäre von Gefahr und Anzüglichkeiten" herrsche. Die Times berichtet indes, dass durchaus eine - wenngleich folgenlose - Sensibilität für das Thema herrsche: Ein sogenannter Whip, ein Fraktionssprecher, der die Abgeordneten im Sinne der Regierung auf Linie bringt, soll der Premierministerin regelmäßig über die "neuesten sexuellen Indiskretionen" berichtet haben.