Türkei Ganze Städte in der Türkei sind Sperrgebiet

Zerbombtes Silvan: Die Stadt in Südostanatolien ist Schauplatz der Kämpfe zwischen Armee und Kurden geworden.

(Foto: Murad Sezer/Reuters)
  • Die türkische Armee hat bei ihrer Großoffensive gegen die PKK und die ihr nahestehende Patriotische Revolutionäre Jugendbewegung (YDG-H) nach eigenen Angaben bereits 102 Rebellen getötet.
  • Bewohner ganzer Städte im Südosten der Türkei sind von Ausgangssperren betroffen und zum Teil von Strom und Wasser abgeschnitten.
  • Einen Anteil an der Eskalation hat auch die YDG-H, die ein großes Gewaltptenzial hat und in den vergangene Monaten mit Straßensperren selbsternannte "befreite Zonen" errichtet hat.
Von Luisa Seeling

Hunderte Anrufe habe sie in den vergangenen Tagen bekommen, sagt Aycan İrmez. Von Menschen, die keinen Strom haben und kein Wasser, deren Häuser in Flammen stehen. İrmez ist Abgeordnete der prokurdischen Partei HDP in Şırnak im Südosten der Türkei. Zeitweise hat sie sich in dem besonders umkämpften Silopi aufgehalten, um sich einen Eindruck von der Lage der Bewohner zu verschaffen. Helfen konnte sie nicht. "Wegen der Ausgangssperre kann die Feuerwehr nicht ausrücken", erzählt die 30-Jährige. Auf vielen Gebäuden seien Scharfschützen postiert. Nicht einmal die Toten könne man begraben. "Zwei alte Männer sind während des Beschusses an einem Herzinfarkt gestorben. Tagelang haben wir versucht, sie zum Leichenhaus zu bringen, aber es ging nicht." Wer sich hinauswagt riskiert, erschossen zu werden.

Seit Monaten wird im Südosten der Türkei gekämpft, doch seit einigen Tagen eskaliert die Gewalt, vor allem in den Städten Cizre, Silopi und Diyarbakır. Am Mittwoch hat die Armee eine Großoffensive gegen die verbotene Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und die ihr nahestehende Patriotische Revolutionäre Jugendbewegung (YDG-H) gestartet. Mehr als 10 000 Soldaten und Polizisten sollen im Einsatz sein, ganze Städte wurden in Sperrgebiet verwandelt. In den vergangenen Monaten hat die Armee zeitweise mehr als 60 Ausgangssperren im Südosten verhängt. Kritiker halten dies für illegal.

Diyarbakır - eine Stadt im Ausnahmezustand

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Der Konflikt ist zu einem Häuserkampf in dicht besiedeltem Gebiet geworden. Die Co-Vorsitzende der HDP, Figen Yüksekdağ, schätzt, dass seit dem Sommer bis zu 200 000 Menschen aus der Region geflohen sind. Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu ist fest entschlossen, die PKK "Viertel um Viertel, Haus um Haus und Straße um Straße" zu bekämpfen. Die Armee meldet Erfolge: 102 PKK-Kämpfer seien in den Provinzen Şırnak, Diyarbakır und Mardin getötet worden, hieß es am Sonntag. Drei Soldaten seien umgekommen.

Ist ein Fünfzehnjähriger, der Steine schmeißt, ein Kämpfer?

Die Vertreter des Staates beharren darauf, dass die Operationen effektiv seien - obwohl das Militär bisher kein einziges der von den Aufständischen gehaltenen Viertel unter seine Kontrolle bringen konnte. Die Ausgangssperren nennt die Regierung ein "letztes Mittel", um zwischen Zivilisten und PKK-Kämpfern zu unterscheiden. Diese missbrauchten Anwohner als "menschliche Schutzschilde".

Wie viele Zivilisten ums Leben gekommen sind, ist unklar. Nach offiziellen Angaben starben seit Beginn der Offensive fünf Zivilisten, kurdische Medien gehen von acht Opfern aus. Für den Zeitraum Juli bis Mitte Dezember hat die International Crisis Group fast 200 getötete Sicherheitskräfte gezählt, außerdem seien mindestens 220 kurdische Kämpfer und 151 Zivilisten umgekommen. Wobei die Unterscheidung oft schwer fällt: Ist ein Fünfzehnjähriger, der Steine schmeißt, ein Kämpfer?

Für die Kurden steht fest: Die Regierung führt einen Krieg gegen ihr Volk. "In diesen Häusern sind keine Terroristen, sondern Zivilisten", sagt ein Menschenrechtler in Diyarbakır. Die Armee nehme "keine Rücksicht auf Frauen, Kinder und Alte". HDP-Politikerin Aycan İmrez spricht von Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Verantwortlich sei die Regierung in Ankara, vor allem "der Palast" - gemeint ist Präsident Recep Tayyip Erdoğan. Und nein, PKK-Kämpfer habe sie in Silopi nicht gesehen. Das ist eine verbreitete Sicht in der Region.