SZ-Korrespondenten über US-Wahl Christoph Neidhart, Tokio, über Japan und Südkorea

In japanischen Zeitungen war der Ausgang der US-Wahl wichtigstes Thema.

(Foto: REUTERS)

Christoph Neidhart, Tokio, über Japan und Südkorea

Vor vier Jahren staunte Ostasien: Wie konnten die Amerikaner einen Schwarzen zum Präsidenten wählen? Dieses Mal hätten die Japaner und Koreaner selbst auch Obama gewählt, obwohl sie - wie auch die Chinesen - noch immer rassistische Vorurteile gegen Menschen mit dunkler Haut hegen.

Die Japaner wollen fast alle zum Mittelstand gehören. Dabei wissen sie durchaus, dass wegen der seit zwei Jahrzehnten anhaltenden Wirtschaftskrise immer mehr Menschen vom unteren Rand der Mittelschicht in die Armut wegbrechen. Romney wollte diesen Prozess in Amerika beschleunigen, meint eine Nachbarin im Tokioter Stadtteil Setagaya. Bei ihm drehe sich alles ums Geld. "Er hat keine Ahnung vom Los der kleinen Leute. Wie die japanischen Politiker auch nicht, die als Sprößlinge von Politiker-Dynastien mit dem Silberlöffel geboren werden." Wo das hinführe, sehe man ja in Japan.

Außerdem, so die ältere Hausfrau empört, wollte Romney den Ärmsten in Amerika die Krankenkasse wieder wegnehmen. Und den Reichsten dafür Steuern erlassen. Viele Japaner sind ängstlich, sie scheuen Veränderungen. Auch sind viele von Obama enttäuscht, Romney jedoch hielten viele für zu unberechenbar. In Tokio verkündete der Yomiuri, die größte Tageszeitung der Welt, Obamas Wiederwahl mit einem Extrablatt. In Südkorea dagegen beschwerten sich Blogger über die stundenlange Live-Berichterstattung aus den USA. Gewiss sei die Wahl in Amerika wichtig - aber so wichtig?

Trotz dem Inselstreit mit China beunruhigte Romney die Japaner mit seiner Drohung, China am ersten Tag seiner Amtszeit als Währungsmanipulator zu brandmarken. Damit hätte er einen Handelskrieg vom Zaun reißen können, das kann die gebeutelte Exportwirtschaft Japans nicht auch noch wegstecken.

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In Wirklichkeit hätte sich Washingtons Asienpolitik mit einem Präsident Romney wenig verändert. Im Wahlkampf war von Asien - jenseits von Romneys Drohungen gegen China - kaum die Rede. Obama hat Asien zuerst vernachlässigt, um dann eine Asienpolitik zu betreiben, die konfrontativer war als jene seines Vorgängers George W. Bush.