Syrische Flüchtlinge Die Türkei vollbringt eine Großtat - helft ihr!

Ein türkischer Soldat an der Grenze zu Syrien.

(Foto: dpa)

Ohne viel Tamtam nimmt die Türkei eineinhalb Millionen syrischer Flüchtlinge auf. Die Hilfe der Europäer ist beschämend unscheinbar. EU und Nato lassen einen Verbündeten im Stich.

Kommentar von Stefan Kornelius

Ohne viel öffentliches Tamtam vollbringt die Türkei zurzeit eine humanitäre und eine politische Großtat. Anderthalb Millionen syrische Flüchtlinge haben die Grenze überquert, sie leben in Lagern oder schlagen sich durchs Land in die Städte durch. In Istanbul sitzen sie als Bettler auf der Straße. Insgesamt aber werden die Flüchtlinge in der Türkei aufopferungsvoll und unter hohen Kosten versorgt und auch dies: menschlich auf- und angenommen.

Nun rügt der türkische Präsident den Rest der Welt und vor allem die Europäer wegen ihrer mangelnden Hilfsbereitschaft. Diese Hilfe ist in der Tat beschämend unscheinbar. Die Europäische Kommission hat zwar gerade mit großer Geste weitere 215 Millionen Euro für die syrische Krisenregion zugesagt, aber nur 50 Millionen fließen in die direkte humanitäre Hilfe und ein Bruchteil davon in die Türkei.

Widersprüche im Umgang mit Syrien

Dieser Umgang ist merkwürdig gerade mit einem Verbündeten, dem in der Nato aber auch in allen Programmen der EU höchste strategische Bedeutung zukommt. Die Stabilität der Türkei, ihre politische und militärische Angreifbarkeit und ihr Einfluss in der Region - ob nun auf Russland oder auf die muslimischen Nachbarn - ist von höchster Relevanz. Wieso also wird darüber nicht geredet?

Die Angst im Gepäck

Mehr als 100 000 syrische Kurden haben im Südosten der Türkei Zuflucht gefunden. Sie erzählen grauenvolle Dinge vom Wüten der Islamisten in ihrer Heimat. Jenseits der Grenze geraten sie nun auch noch in den Machtkampf zwischen Ankara und der PKK. Von Christiane Schlötzer mehr... Reportage

Gründe gibt es immer: Die vergangenen Erdoğan-Jahre haben die Türkei und ihre Verbündeten entzweit. Das EU-Mitgliedsverfahren ist genau das - verfahren. Weder will die Türkei in die Union, noch ist die Union aufnahmebereit. Erdoğans Einfluss auf die muslimischen Bruderstaaten ist sprunghaft und undurchsichtig.

Vor allem im Umgang mit dem syrischen Krieg hat die Türkei mit großen Widersprüchen zu kämpfen. Aus dem Freund Assad wurde ein Feind. Die Aufständischen wurden überwältigt von den Terrormilizen, die Türkei selbst ist mutmaßlich eins der wichtigsten Rekrutierungsländer der Islamisten.

Erdoğans Zögern

Bis an die Grenze zur Türkei ist die Terrormiliz vorgerückt, doch Premier Erdoğan hält sich im Kampf gegen den IS zurück. Auch, weil er das Leben türkischer Geiseln schützen wollte. Jetzt sind die Geiseln frei und über die Umstände wird gerätselt. Von Luisa Seeling mehr ... Analyse

Auf jeden Fall aber ist die Türkei Transitland der internationalen Terror-Pendler - und dieser Terror kann jederzeit wieder über die Grenze zurückschwappen. Ergreift Ankara zu sehr Partei, wird es zum leichten Ziel. Stärkt Erdoğan die Kurden, dann holt er sich mittelfristig das Separatisten-Problem ins Land.

Geld? Daran darf es nicht scheitern!

All das sind begründete Sorgen, derentwegen die Türkei das Flüchtlingsproblem am liebsten mit sich alleine ausmachen würde. Das aber wird nicht gut gehen. Erdoğans Rede vor der UN-Vollversammlung muss man deshalb als Aufforderung zur Einmischung verstehen.

Die Türkei braucht Geld? Daran darf es nicht scheitern - aber Geld alleine reicht nicht. Die Nato sollte mit ihrem wichtigsten Verbündeten auch offen über die Sicherheit der Bündnisgrenzen reden. Die EU kann nicht nur ihre Flüchtlingspolitik ändern, sie muss mit der Türkei offensiv über die Krontolle der Dschihad-Pendler verhandeln.

Die Türkei muss jetzt wissen, dass sie Verbündete hat. Sonst werden diese Verbündeten bald mit dem Vorwurf leben müssen, sie hätten das Land im Stich gelassen - und so verloren.