Syrien: Diktator Assad Die Tyrannen stürzen - aber wie?

Einen Frühling lang hat der arabische Freiheitstraum die Welt begeistert. Doch während der Westen Libyen bombardiert, führt Syriens Diktator Assad sein Land an den Rand des Bürgerkriegs. Ein Militäreinsatz in Syrien wäre moralisch so gerechtfertigt wie der gegen Gaddafi, gilt aber als Selbstmord. Denn der Westen weiß: Was in Syrien geschieht, hat Auswirkungen auf den ganzen Nahen Osten.

Ein Kommentar von Sonja Zekri

Er müsste nur wollen. Der libysche Machthaber Muammar al-Gaddafi würde sicher im Exil ein Fleckchen für sein Beduinenzelt finden, in Venezuela, in Saudi-Arabien oder in Mali. Das Nato-Mitglied Türkei hat dem gejagten Revolutionsführer um des Friedens willen freies Geleit zu einem Altersruhesitz seiner Wahl angeboten. Aber Gaddafi selbst denkt ans Sterben, genauer: an seinen Platz in der Geschichte. Der Märtyrertod sei "millionenfach besser" als die Kapitulation, sagt er.

Libyens Aufständische haben den Krieg so nah an Tripolis herangetragen wie nie zuvor. Inzwischen wird 40 Kilometer westlich der Hauptstadt gekämpft. Selbst einige afrikanische Präsidenten lassen ihren einstigen Wohltäter im Stich. Für die Nato ist Gaddafi inoffiziell längst ein "legitimes Ziel". Der Zufallstreffer eines Kampfjets auf den Bruder Oberst ist möglich. Zugleich wird hinter den Kulissen des Kriegstheaters verhandelt. Doch meist scheitert schon die Aufnahme von Gesprächen an einer Frage: Was ist mit Gaddafi?

Einen kurzen Frühling lang hat der arabische Freiheitstraum die Welt begeistert. Aber nun dauert alles länger, wird hässlicher und komplizierter. Der Abtritt der Despoten, der in Tunesien und Ägypten so atemberaubend schnell gelang, zieht sich in Libyen oder Syrien, selbst im Jemen quälend hin. Jeder einzelne der verbliebenen Despoten wird von der Mehrheit seines Volkes gehasst, alle haben durch Vetternwirtschaft, Folter und Mord ihren Herrschaftsanspruch verwirkt.

Am Wochenende hat der syrische Präsident Baschar al-Assad die Kleinstadt Dschisr al-Schughur mit Panzern und Kampfhubschraubern beschießen lassen. Über Monate haben Syriens Aufständische einsam und abgeschnitten von der Welt, aber trotz großer Härte des Regimes fast gewaltfrei Widerstand geleistet. Jetzt greifen viele zu den Waffen. Syrien steht am Rande eines Bürgerkriegs, wenn Assad nicht geht. Wie aber entsorgt man Despoten, ohne Schaden anzurichten?

Gaddafi hat sich als Verkörperung Libyens inszeniert, als volksnaher Halbgott und Diener aller Libyer. Stürzt Gaddafi, dürfte sein politisches Kunstprodukt Jamahirija, der "Staat der Massen", in sich zusammenfallen. Gaddafis Ende wäre ein libysches Problem. In Damaskus hingegen wird Präsident Baschar al-Assad schwächer, während sein Bruder Maher erstarkt. Maher, ein unbeherrschbarer Sadist, kommandiert jene Eliteeinheiten, die nun Dschisr al-Schughur angreifen.

Selbst wenn Baschar von der Staatsspitze entfernt würde - Maher und die befreundeten Falken in Armee, Geheimdienst und Wirtschaft sind in den Assad-Jahren reich geworden und gewinnen an Einfluss mit jedem Einsatz gegen die "terroristischen Kräfte", wie die Revolte offiziell heißt. Sie haben viel zu verlieren und würden um den Erhalt des Systems bis zum Letzten kämpfen, würden den Krieg gegen das eigene Volk ausweiten - mit oder ohne Baschar.

Mehr noch: Syrien ist ein Schlüsselstaat in der Region mit Beziehungen zu den radikalen Islamisten der Hamas in Gaza und zur Hisbollah im Libanon, ist Iran ein Partner, Israel ein berechenbarer Feind. Seine Religions- und Volksgruppen sind mit den Nachbarländern Libanon und Irak, Türkei, Iran, Jordanien fast symbiotisch verwoben. Was in Syrien geschieht, betrifft den ganzen Nahen Osten. Auch deshalb scheut die Welt trotz britischer und französischer Initiative vor einer UN-Resolution zurück. Ein Militäreinsatz wäre moralisch so gerechtfertigt wie in Libyen, gilt aber als Selbstmord. Von Exil für Baschar al-Assad spricht niemand.

Der Tyrannensturz ist ein berauschender Moment der Gerechtigkeit, aber er gelingt selten wunschgemäß. In der arabischen Welt dürften saubere Abgänge in den kommenden Monaten die Ausnahme bleiben. Die Zeit der Idealisten geht zu Ende.

Leid und Mitleid

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