Studie zum "Freiheitsindex" Lieber nicht offen reden, besser vorsichtig sein

  • Immer mehr Menschen in Deutschland haben das Gefühl, ihre politische Meinung nicht frei äußern zu können.
  • Der "Freiheitsindex", ein vom John-Stuart-Mill-Institut in Heidelberg ermittelter Wert, steigt dennoch - wegen der "freiheitsaffinen" Berichterstattung der Medien.
Analyse von Benedikt Peters

Es klingt zunächst nach einer guten Nachricht: Im Vergleich zum Vorjahr habe unter den Deutschen "die Wertschätzung der Freiheit insgesamt betrachtet leicht zugenommen". So schreiben es die Forscher des John-Stuart-Mill-Instituts in der Mitteilung zu ihrer Studie "Freiheitsindex Deutschland 2016."

Das Mill-Institut sitzt in Heidelberg und hat sich dem Liberalismus und der Freiheitsforschung verschrieben. Mit seinen Studien zum Freiheitsindex sorgt es seit 2011 für mediale Aufmerksamkeit - so auch heute, wenn in der Berliner Bundespressekonferenz das Ergebnis für 2016 vorgestellt wird.

Dass der Befund in diesem Jahr eigentlich gar nicht so positiv ist, wird deutlich, wenn man die detaillierte Zusammenfassung der Studie liest, an der auch das Institut für Demoskopie Allensbach mitgewirkt hat. Der Süddeutschen Zeitung lag sie vorab vor. Aus der hohen Wertschätzung, die die Freiheit angeblich hierzulande genießt, folgt nämlich nicht, dass sich die Menschen hierzulande auch frei fühlen.

Im Gegenteil: Immer mehr Menschen in Deutschland haben das Gefühl, ihre politische Meinung nicht frei äußern zu können. Lag der Anteil derjenigen, die befanden, sie könnten in der Bundesrepublik frei sprechen, Anfang der 1990er Jahre noch bei 78 Prozent, so ist er im Jahre 2016 auf einen Tiefstand von 57 Prozent gesunken. Die Zahl der Menschen hingegen, die glauben, sie müssten beim Äußern ihrer politischen Meinung "besser vorsichtig sein", ist inzwischen auf knapp 30 Prozent der Befragten gestiegen.

Die Diskussion um die Ursachen dieser Entwicklung könnte spannend sein, in einer Zeit, die voll mit tatsächlichen oder gefühlten Bedrohungen für die Freiheit ist: Der islamistische Terrorismus, die Amokläufe, Extremismus und Populismus von links wie rechts. Aber auch die Klage um die "Political Correctness", von der manche das Gefühl haben, sie verbiete ihnen den Mund. Dies alles könnten Gründe für den gefühlten Freiheitsverlust sein. Ob sie es wirklich sind, dazu findet sich in der Zusammenfassung der Studie jedoch kein Befund.

Freiheit in den Medien

Dass die Autoren trotzdem zu einem positiven Freiheitsindex kommen, liegt daran, dass sie weitere Komponenten in ihren Index eingerechnet haben: Wie wichtig den Deutschen der Wert der Freiheit ist und wie häufig über sie in Zeitungsartikeln berichtet wird.

Beim Stellenwert der Freiheit ist das Resultat allerdings auch nicht besonders hoch. Der Anteil der Bürger etwa, die im Zweifel dem Wert der Gleichheit den Vorrang geben würden, ist zuletzt stark gestiegen.

Außerdem sprechen sich wieder etwas mehr Bürger für Verbote aus, von denen die Forscher eine Reihe abgefragt haben. Darunter sind etwa Verbote von harten (etwa Heroin) und weichen Drogen (Haschisch, Marihuana), aber auch von hohen Parteispenden und von Filmen, Computerspielen und Videos mit Darstellungen von Gewalt.

Dass die Forscher dennoch vermelden können, der "Freiheitsindex" sei gestiegen, liegt daher vor allem an dem dritten Bestandteil ihrer Studie: einer quantitativen Medienanalyse. Die Forscher haben 1773 Artikel aus der Welt, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, dem Spiegel und auch der Süddeutschen Zeitung untersucht. Und sie kommen zu dem Schluss, dass die Berichterstattung 2016 "freiheitsaffiner" gewesen sei als in den Vorjahren, dies sei ein "Effekt der Attentate in Paris und Brüssel".

In Zeitungsartikeln ging es also öfter als in den Vorjahren um das Thema Freiheit. Dass es um sie aber auch besser bestellt ist - das darf nach Lektüre der Studie bezweifelt werden.

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