Sprache im Migrationsdiskurs Warum "Asylant" ein Killwort ist

Sprache wird als Mittel der Ausgrenzung missbraucht, beim Thema Migration zeigt sich ihre demagogische Macht. Asylant sagt zwar kaum noch einer, doch andere Unwörter haben Konjunktur.

Von Sebastian Gierke

Sehr viele Deutsche grenzen Migranten aus. Einfach, indem sie ihnen nicht zugestehen, auch Deutsche sein zu können. Das zeigt eine aktuelle Studie der Berliner Humboldt-Universität. 38 Prozent glauben demnach: Wer ein Kopftuch trägt, kann keine Deutsche sein.

Es ist ein erschreckender Befund, dem die Wissenschaftler der Universität über Begriffe beikommen wollen. "Menschen mit Migrationshintergrund", dieses sprachliche Konstrukt, das vor über 20 Jahren von der Pädagogikprofessorin Ursula Boos-Nünning geprägt wurde, soll aufgelöst werden, empfehlen sie. Es verschärfe die Unterschiede zwischen Deutschen mit und ohne Migrationshintergrund.

Die Studie belegt einmal mehr: Sprache spielt in der Diskussion um Einwanderung und Integration eine entscheidende Rolle. Oft wird sie als Mittel der Ausgrenzung missbraucht. Wer ist Deutscher? Und wer nicht? Wie weit ist es vom "Migranten" zum Deutschen? Wie weit vom "Gastarbeiter", vom "Flüchtling"? Und vom "Asylanten"? Jedes Wort hat unterschiedliche Bedeutungen und Konnotationen.

Sprache ist mächtig. Mit ihr versuchen wir unsere sozialen Beziehungen zu ordnen. Die Begriffe, die wir verwenden, in denen wir denken, prägen unsere politische Realität. Und beeinflussen dadurch unser Verhalten. Wir gieren nach Vertrauten, nach schnellem Erfassen, Bewerten und Bestätigung - und sind deshalb anfällig für Täuschungen und Irrtümer. Im Sprechen über Flüchtlinge lässt sich die demagogische Macht von Sprache immer wieder nachweisen. Gerade in diesem Themenfeld gibt es viele Wörter, die mehr über den aussagen, der sie verwendet, als über den Menschen, den sie bezeichnen. Neger ist so ein Wort. Und Zigeuner. Oder Asylant.

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Asylant

Asylant war einst ein unschuldiges Wort. "Es wurde in den 60er Jahren auf völlig harmlose Art und Weise benutzt", erklärt der Linguist Martin Wengeler. Im Duden taucht es erst in der 18. Auflage auf, im Jahr 1980. Nicht ohne Grund.

1980, dem Jahr des Militärputsches in der Türkei, kletterte die Zahl der asylsuchenden Menschen in Deutschland über die Grenze von 100 000. Zu diesem Zeitpunkt war eine emotional geführte Diskussion um diskriminierende Sprache entbrannt - und der Begriff verlor seine Unschuld. "Seit Beginn der 80er Jahren wird das Wort zumeist abwertend gebraucht, dazu, die Menschen zu benennen, die man nicht dahaben will. Anfang der 1990er erreichte das dann den Höhepunkt. Zum Beispiel in Medien wie Bild und Spiegel", sagt Wengeler, der Mitglied der Jury Unwort des Jahres ist.

Es waren vor allem Sprachkritiker und Aktivisten der Political Correctness, die die Verwendung des Begriffs "Asylant" beanstandeten. Allein die Endung: -ant. Wie in Simulant, Ignorant, Querulant, Denunziant. Alles Begriffe, die negative Assoziationen hervorrufen, behaupteten die Kritiker, die für eine diskriminierungsfreie Sprache kämpften.

Das Wort erfuhr eine schleichende Stigmatisierung, weil es selbst stigmatisiert. Immer wieder wurde es mit Komposita versehen: Scheinasylant, Asylantenheim, Asylantenstrom. Ein Kill-Wort, so bezeichnet es der Sprachwissenschaftler Jürgen Link. Und auch wenn es heute hin und wieder noch gebraucht wird: Mitte der 1990er ist der Begriff aus dem öffentlichen Sprachgebrauch größtenteils verschwunden. "Und er wird auch in den aktuellen öffentlichen Diskussionen nach meinem Eindruck kaum benutzt", sagt Wengeler. Der Asylant, das ist nun einer, der aus zweifelhaften Gründen Asyl sucht, der uns bedrängt, das Grundgesetz ausnutzt.

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Flüchtling

Dass Begriffe auch eine Rehabilitierung erfahren können, zeigt das Wort Flüchtling. In den 50er Jahren noch verpönt, hat es heute eine neutrale Bedeutung. "Das Wort Flüchtlinge wurde in den 1950er Jahren in den Diskussionen um die aus den ehemaligen deutschen Gebieten Vertriebenen so benutzt, dass sich Menschen stigmatisiert gefühlt haben", sagt Wengeler. Das habe sich seit Mitte der 1960er Jahre verändert.

Heute bekommt er erst dann eine abwertende Bedeutung, wenn er mit Komposita verbunden wird, wie im Wort Wirtschaftsflüchtling.

Wirtschaftsflüchtling, auch über diesen Begriff wurde in den 1990er Jahren gestritten. Denn er ist nur scheinbar sachlich. Das Wort wurde und wird dazu verwendet, Flüchtlingen die Notwendigkeit zur Flucht abzusprechen, ihnen den Missbrauch des Asylrechts vorzuwerfen.

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Allerdings stehen Wortzusammensetzungen mit Flüchtling, im Gegensatz zu Komposita mit Asylant, auch einige neutrale Begriffen gegenüber. Flüchtlingsland zum Beispiel.