Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt Die grüne Christin

Katrin Göring-Eckardt ist eine Frau der leisen Töne und wählt ihre Worte sorgfältig. Parteikollegen nennen sie die "Anwältin der Ärmsten". Was nach Mauerblümchen klingt, könnte eine Chance für die Grünen bedeuten und neue Wählerschichten ansprechen.

Von Julia Halbig

Kirchenfrau Katrin Göring-Eckardt: Die Präses der Evangelischen Kirche in Deutschland zusammen mit Papst Benedikt XVI. in Erfurt (23.09.2011).

(Foto: AFP)

"Klar habe ich mich gefreut", sagt Katrin Göring-Eckardt, als sie nach ihrer Wahl vor die Hauptstadt-Journalisten tritt. Phoenix überträgt live. Die Grünen-Politikerin wirkt ernsthaft und ein wenig müde. Also muss sie nochmal betonen: "Es ist eine Freude." Und dann schiebt sie gleich noch nach, dass die Spitzenkandidatur aber auch eine hohe Verantwortung ist.

Katrin Göring-Eckardt wollte gar keine Urwahl für die Spitzenkandidatur der Grünen. Ein "Spitzenteam" mit durchaus vier Leuten hätte die Thüringerin besser gefunden. Nun soll die 46-Jährige neben Fraktionschef Jürgen Trittin die Partei in den Bundestagswahlkampf führen. Mit überraschenden 47,3 Prozent hat sie die beiden anderen Kandidatinnen Renate Künast und Claudia Roth klar ausgestochen.

Mit Göring-Eckardt kommt nun eine jüngere Grüne zum Zug. Schön öfter waren Forderungen nach einem Generationswechsel in der Partei laut geworden. Das hat ihr sicher geholfen. Zudem scheint sie ein guter Gegenpart zu Jürgen Trittin zu sein: Die bedächtige Realopolitikerin und der leidenschaftliche "Regierungslinke". Sie wägt ihre Worte sorgfältig ab, er polarisiert gern.

Parteiübergreifend stößt die Wahl von Göring-Eckardt zusammen mit Trittin auf Zustimmung. "Ich beglückwünsche die Grünen ausdrücklich für ihre Wahl", sagte SPD-Chef Sigmar Gabriel. Und Familienministerin Kristina Schröder, CDU, twittert: "Eine weise Wahl der Grünen-Basis." Die Glückwünsche sind nicht verwunderlich: Als langjährige Vizepräsidentin des Bundestags genießt Göring-Eckardt parteiübergreifend Respekt.

Parteiintern muss Göring-Eckardt darauf achten, dass sie dem Eindruck einer gewissen Nähe zu den Konservativen entgegentritt. Sie gehörte zur sogenannten Pizza-Connection und traf sich regelmäßig mit CDU-Abgeordneten zum Meinungsaustausch. Zudem wurde ihr manchmal ein zu wirtschaftsliberaler Kurs vorgeworfen. Nach ihrer Nominierung gab sie sich am Samstag denn auch alle Mühe, dem Eindruck einer Nähe zur Union entgegenzutreten. Es gehe 2013 um "Grün oder Merkel", sagte sie mit Blick auf Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU).

Pfarrersfrau und Tanzlehrer-Tochter

1966 wurde sie im thüringischen Friedrichroda geboren. Ihr Vater war Tanzlehrer. Die Mutter starb, als Katrin Göring-Eckardt 18 Jahre alt war. Nach dem Abitur studierte sie evangelische Theologie in Leipzig. Die 46-Jährige ist mit einem evangelischen Pfarrer verheiratet. Das Paar hat zwei Söhne.

Noch bevor es in der DDR Ende der 80er Jahre zu politischen Veränderungen und dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems kam, engagierte sich Göring-Eckardt in der kirchlichen Opposition. Sie war beim Umbruch 1989 als Bürgerrechtlerin aktiv und ist Gründungsmitglied von "Demokratie jetzt" und "Bündnis 90".

Erstmals 1998 wurde die Thüringerin in den Bundestag gewählt. Seit 2005 ist sie Vizepräsidentin des Parlaments. Thematische Schwerpunkte sind die Sozial- und Familienpolitik. 2009 wurde die Mutter von zwei Kindern zur Präses der Synode der Evangelischen Kirche gewählt. Dieses Amt lässt sie nun bis nach der Bundestagswahl ruhen. Sie lehnte allerdings die Forderung der stellvertretenden FDP-Vorsitzenden Birgit Homburger ab, auch das Amt der Bundestagsvizepräsidentin niederzulegen. Die geforderte Neutralität sei kein Problem, meint Göring-Eckardt. "Das traue ich mir nun wirklich zu."

Ihre Kompetenz in der Sozialpolitik wird Göring-Eckardt auch im Bundestagswahlkampf einbringen. Sie werde sich im kommenden Bundestagswahlkampf für eine "bessere Gesellschaft" einsetzen. Dies bedeute mehr Zusammenhalt, mehr Menschlichkeit im Umgang mit Flüchtlingen, mehr Gleichberechtigung für Schwule und Lesben und mehr Demokratie, sagte die Grünen-Politikerin am in Berlin.

Als "Anwältin der Ärmsten" und "Kämpferin für soziale Gerechtigkeit" bezeichnete die Grünen-Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke überschwänglich die Parteikollegin. Mit ihrer Biografie könnte Göring-Eckardt durchaus auch Stimmen im Osten und im linken Lager sowie bei christlich gesinnten Wählern holen.