SPD-Kongress Gabriels Suche nach der goldenen Mitte

Für die "arbeitende Mitte": Sigmar Gabriel spricht auf dem Mainzer SPD-Kongress.

(Foto: Fredrik Von Erichsen/dpa)

Der SPD-Chef bezichtigt Seehofer wie Merkel der "Hilflosigkeit" in der Flüchtlingskrise und fordert Milliarden-Ausgaben. Wo das Geld herkommen soll, lässt er offen.

Von Christoph Hickmann, Mainz

Der Fußballverein Mainz 05 ist gewöhnlich eher in den mittleren Tabellenregionen der Bundesliga unterwegs. Insofern hat es eine gewisse Symbolik, dass sich im weitläufigen Innenraum des Mainzer Stadions am Sonntagmorgen die SPD zum "Perspektivkongress" trifft. Mit latenter Abstiegsgefahr jedenfalls kennen sich auch Sozialdemokraten ganz gut aus.

Wenige Minuten nach zehn ist es, als Sigmar Gabriel vor etwa 800 Gästen ans Pult tritt - und um seine Ausgangslage zu beschreiben, muss schon wegen des Ortes noch ein kleiner Fußballvergleich her. Wenn man sich den SPD-Vorsitzenden Gabriel nämlich als Trainer, Manager sowie Mittelstürmer dieser Partei vorstellt, ist er arg angeschlagen in die Sommerpause gegangen. Man war sich, nach dem Ärger etwa über die Vorratsdatenspeicherung oder Gabriels Grexit-Gedankenspiele, nicht mehr ganz sicher, ob sein Vertrag verlängert würde. Für den Perspektivkongress hatte man deshalb eine entscheidende Rede des Chefs erwartet, eine Erwiderung auf seine Kritiker, einen Befreiungsschlag. Dann kam die Flüchtlingskrise.

Sie deckt, wie überall in der Politik, auch in der SPD vieles zu, weshalb von Gabriel nun nicht mehr die große Rede zu Lage und Ausrichtung der Partei erwartet wird, sondern eine zum Thema Flüchtlinge. Und die liefert er. Wobei er es sogar schafft, beides miteinander zu verbinden.

"Wir Sozialdemokraten sind Experten für große Sachen. Kleine können die anderen auch."

Das fängt schon zu Beginn an: Wenn es irgendwo Experten für gesellschaftlichen Zusammenhalt gebe, seien das die Sozialdemokraten, sagt er. Das heißt nichts anderes als: In dieser Krise muss die SPD ran, weil das Gelingen dieses Großversuchs von den sozialdemokratischen Kernkompetenzen abhängt. Letzte Zweifel an dieser Übersetzung räumt Gabriel schnell aus: "Wir Sozialdemokraten sind Experten für große Sachen. Kleine können die anderen auch."

In den vergangenen Wochen war man sich bei Gabriel, wie bei der SPD insgesamt, nie ganz sicher, wohin das Pendel ausschlagen würde. Mal erschien er mit einem "Wir helfen"-Anstecker im Bundestag, mal betonte er eher die andere Seite und forderte für die Zukunft eine "deutliche Verringerung der Flüchtlingszahlen". Es wirkte, als wolle er mal ein bisschen Merkel und mal ein bisschen Seehofer sein. In Mainz entscheidet er sich nun, die freie Mitte zwischen beiden Positionen zu besetzen.