Freilassung von Deniz Yücel Özdemir warnt vor naivem Umgang mit der Türkei

"Geht's noch?" Das fällt Cem Özdemir ein, wenn er sieht, wie überschwänglich man sich nach der Freilassung Deniz Yücels bei der Türkei bedankt.

(Foto: John MacDougall/AFP)
  • Nach der Freilassung Deniz Yücels warnt Cem Özdemir vor einem zu naiven Umgang mit der Türkei.
  • Jedes Signal der Versöhnung würde von der AKP-Regierung "als Entschuldigung" interpretiert.
  • Nachdrücklich wies er darauf hin, dass gerade vier Journalisten in der Türkei zu lebenslänglicher Haft verurteilt wurden.
Von Stefan Kornelius

Nach der Freilassung des Journalisten Deniz Yücel hat der frühere Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir vor einer Beschwichtigungspolitik gegenüber der Türkei gewarnt. Jedes Signal der Versöhnung werde von der AKP-Regierung "als Entschuldigung" interpretiert. "Wir laden sie geradezu dazu ein, noch mehr über die Stränge zu schlagen", sagte Özdemir der Süddeutschen Zeitung. "Wir bedanken uns überschwänglich und gleichzeitig werden in der Türkei vier Journalisten zu lebenslanger Haft verurteilt. Geht's noch?"

Özdemir nahm ein eigenes Erlebnis am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz zum Anlass, um vor Naivität zu warnen. Der Bundestagsabgeordnete war im selben Hotel wie die türkische Delegation untergebracht, was zu erheblicher Unruhe unter den türkischen Sicherheitskräften geführt haben soll. Nach der ersten Nacht fand Özdemir eine Gruppe von deutschen Polizeibeamten vor seiner Tür, die zu seinem Schutz abgestellt worden war.

Polizei stellt Erdoğan-Kritiker Cem Özdemir unter Personenschutz

Der Grünen-Politiker ist im selben Hotel untergebracht wie die türkische Delegation. Diese beschwert sich über den vermeintlichen "Terroristen", woraufhin die Polizei Özdemir Beamte zur Seite stellt. mehr ...

Offenbar hatte die türkische Delegation sich über "einen Terroristen" im Hotel beschwert - der wohl Özdemir sein sollte. Auch Özdemir selbst soll sich laut Polizei bedroht gefühlt haben. Der Terroristen-Vorwurf sei aber nicht aktenkundig, so die Polizei. Der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu äußerte sich persönlich zu dem Vorgang und nannte die Darstellung unwahr. Özdemir wolle sich wichtig machen.

Der Grünen-Politiker steht nur bei öffentlichen Auftritten unter Personenschutz. In München wurden ihm nach dem Zusammentreffen im Hotel drei Beamte zur Seite gestellt, die ihn ständig begleiteten. Ihm wurde angeraten, den Kontakt mit der türkischen Delegation zu meiden. Die Polizei hielt den Personenschutz für angeraten, um die Spannungen abzubauen, hieß es. Es habe aber "keine konkrete Bedrohung" gegeben.

Im Mai 2017 hatten türkische Personenschützer bei einem Besuch Präsident Recep Tayyip Erdoğans in Washington Demonstranten verprügelt. Gegen sie wurde Anklage erhoben, es kam zu schweren diplomatischen Verwicklungen.