Weltkriegsgedenken in Russland Als Paradestück eine Wunderwaffe

  • Bei Russlands Militärparade anlässlich der Feierlichkeiten zum Kriegsende fährt in Moskau auch der neue Panzer Armata vor.
  • Der 7,1 Millionen teure von den Russen entwickelte Panzer steht symbolisch für die umfassende Modernisierung der russischen Streitkräfte, die seit dem Fünf-Tage-Krieg gegen Georgien 2008 vorangetrieben wird.
  • Die Reformen dienen nicht nur der Verbesserung der Armee, sondern sollen auch Rüstungsexporte ankurbeln. Russland ist der zweitgrößte Waffenexporteur der Welt.
  • Die monströse Militärparade könnte aber auch als eine Art Säbelrasseln gedeutet werden. Der Armata-Panzer etwa ist noch gar nicht erprobt und noch nicht in Produktion gegangen.
Von Julian Hans, Moskau

Üben für den Siegestag: Armata-T14-Panzer waren erstmals zu sehen, als sie bei der Generalprobe für die Parade durch Moskau rollten.

(Foto: Alexander Zemlianichenko/AP)

Wenn am Samstag die größte Militärparade der russischen Geschichte durch die Hauptstadt zieht, wird es einige Superlative geben - aber nur einen Star. 200 Panzer sollen über das Pflaster des Roten Platzes rollen, 140 Kampfflugzeuge und Hubschrauber über die Köpfe der Zuschauer donnern, und 15 000 Soldaten den Gästen auf der Ehrentribüne vor dem Lenin-Mausoleum ihr "Hurra" entgegenschmettern - mehr als je zuvor.

Gekrönt wird die Waffenschau aber von einem 55 Tonnen schweren Ungetüm: Erstmals zeigt das russische Verteidigungsministerium den neuen Kampfpanzer T-14, genannt Armata. Seit Wochen preisen ihn die Kreml-treuen Medien als neue Wunderwaffe und zählen seine Vorzüge auf: Die Besatzung ist in einer Kapsel untergebracht, deren Panzerung angeblich kein Geschütz der Welt durchdringen kann. Der Gefechtsturm ist ferngesteuert, die 125-Millimeter Glattrohrkanone kann auch Lenkraketen abfeuern. Wirklich in sich aber haben es das Radar und die Feuerleitzentrale. Sie erlauben es, im Umkreis von 100 Kilometern, 40 Ziele am Boden und 25 in der Luft zu erfassen und zu zerstören.

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Zweifelsohne geht es um mehr als einen neuen Panzer. Erstmals kann Moskau eine echte Innovation präsentieren, die auch internationalen Waffen-Spezialisten Respekt abnötigt. Im Panzerbau gab es seit fast 40 Jahren keine echten Neuerungen mehr. Nun lässt der Armata auch Nato-Modelle alt aussehen: Der deutsche Leopard 2 stammt aus den Siebzigerjahren, der Abrams der Amerikaner von 1980. Das macht Armata zum Symbol für die modernisierte russische Armee - und die Möglichkeiten der russischen Rüstungsindustrie.

Denn auf der Tribüne sitzen neben dem russischen Präsidenten nicht nur Freunde, sondern zugleich Kunden. Russland ist laut dem Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) gleich nach den USA der zweitgrößte Waffenexporteur der Welt und beherrscht 27 Prozent des globalen Handels mit Rüstungsgütern. In den vergangenen fünf Jahren konnten die russischen Waffenschmieden ihre Exporte um mehr als ein Drittel steigern. Geliefert wird an 56 Länder. Die Staatschefs der beiden wichtigsten Kunden haben ihre Teilnahme zugesagt: Die Präsidenten Chinas und Indiens, Xi Jinping und Pranab Mukherjee.

Ausgelegt für punktgenaue Operationen wie die Krim-Annexion

Nach dem Fünf-Tage-Krieg gegen Georgien, bei dem die russischen Truppen im August 2008 kein gutes Bild abgegeben hatten, schob der damalige Verteidigungsminister Anatolij Serdjukow einen Umbau der Streitkräfte an, den selbst Kritiker als Jahrhundertreform würdigen: Die Zahl der Soldaten wurde von 1,2 Millionen auf offiziell eine Million reduziert. Beobachter schätzen die tatsächliche Zahl auf etwa 800 000. An die Stelle großer Divisionen von 10 000 Mann, die während des Kalten Krieges für eine Konfrontation mit dem gegnerischen Block ausgelegt waren, sind kleinere Brigaden mit 3000 Soldaten getreten. Diese sind mobil und flexibel einsetzbar; im Kampf gegen Terroristen - oder eben auch für punktgenaue Spezialoperationen wie bei der Annexion der Krim.

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Der Umbau wurde begleitet von einem umfassenden Programm zur Modernisierung der Technik, das sich Russland dank des Ölbooms in den 2000er-Jahren wieder leisten konnte. Noch 2010 galten 90 Prozent der Waffen seiner Armee als veraltet. Insgesamt 720 Milliarden Dollar lässt es sich der Staat kosten, um 70 Prozent seiner Waffen bis 2020 auf neuesten Stand zu bringen. Dieses Jahr sollen 30 Prozent erreicht werden. Ein Drittel des Budgets ist für Nuklearstreitkräfte vorgesehen; sie sind seit dem Rüstungswettlauf im Kalten Krieg das einzige Feld, in dem Russland zumindest gleich stark ist wie die USA.

Vor der Krim-Annexion galten Russlands Streitkräfte als rückständig und veraltet, jetzt traut man ihnen plötzlich alles zu. Doch was im vergangenen Jahr geschehen ist, hat mit modernen Waffen fast nichts zu tun, viel mehr dagegen mit Kriegslist und einer neuen Taktik, die mit geringstem Einsatz ein maximales Ergebnis erzielte.

Ein Armata-Panzer kostet umgerechnet etwa 7,1 Millionen Euro

Doch die neue Konfrontation mit dem Westen bringt auch neue Schwierigkeiten bei der Neubewaffnung. Nicht nur, dass wegen der Wirtschaftskrise weniger Geld zur Verfügung steht; von der zehn prozentigen Kürzung im neuen Staatshaushalt wurden Verteidigungsausgaben ausgenommen. Es gibt auch Engpässe bei moderner Technologie, die seit vorigen Sommer nicht mehr nach Russland geliefert werden darf, wenn sie zu militärischen Zwecken genutzt werden kann. Es komme nun nicht mehr allein darauf an, alte Technik zu ersetzen, sagte Putin in einer Sitzung der Rüstungskommission im April: "Es ist äußerst wichtig, Militärtechnik zu entwickeln, die Importe ersetzen kann." Die "schwierige internationale Lage" könne "zu Störungen führen". Deshalb müssten die Risiken aus dieser Abhängigkeit gesenkt werden.

Vor diesem Hintergrund sehen auch russische Beobachter den Armata-Panzer skeptisch. Über den Roten Platz werden zehn Prototypen rollen, inwiefern sie tatsächlich über die gepriesenen Fähigkeiten verfügen, ist dabei nicht zu erkennen. Laut Plan sollten der T-14 von 2016 an in der Rüstungsfabrik Uralwagonsawod in Serie gebaut werden, 2300 Stück sollen bis 2020 in Dienst gestellt werden. Der Kreml-kritische Militärexperte Alexander Golz glaubt, dass das zu teuer wird. Immerhin kostet ein T-14 umgerechnet etwa 7,1 Millionen Euro - etwa das Doppelte eines Leopard 2.

"Wenn es jetzt heißt, dass erst einmal eine kleine Serie produziert wird, um sie zwei Jahre zu testen, dann ist allen klar, dass die Produktion auf bessere Zeiten verschoben wird", sagt Golz.

Eine weitere Innovation, die die russische Führung ihren Gästen gern vorgeführt hätte, wurde von der Liste gestrichen: Der neue Jagdflieger T-50 darf nicht starten, nachdem bei einem Testflug im vergangenen Jahr ein Triebwerk ausgefallen war. Der Armata sei zwar auch noch nicht erprobt, sagte ein Informant aus dem Verteidigungsministerium dem Internetportal Gazeta.ru, "aber Panzer fliegen auch nicht über die Köpfe der Menschen".

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