Abrüstung Die Welt probt den Aufstand gegen die Atommächte

Eine atomwaffenfähige Mittelstreckenrakete auf einer Militärparade in Indien: Die Konfrontation der USA mit Nordkorea kann zu einem neuen Rüstungswettlauf in Asien führen, der das regionale Gleichgewicht aus den Fugen bringt.

(Foto: AFP)

Die Mehrheit in den Vereinten Nationen will Atomwaffen komplett verbieten. Der Vorstoß ist naiv - aber vollkommen berechtigt.

Kommentar von Tobias Matern

Die "Kleine Fabel" von Franz Kafka beschreibt eine Maus, die klagt, die Welt werde "enger mit jedem Tag". Ein Ausweg ist nicht in Sicht, im letzten Zimmer "steht die Falle, in die ich laufe". Ausgerechnet die Katze gibt dem Nager dann einen Rat: "Du musst nur die Laufrichtung ändern."

Beim bedrohlichsten Thema der internationalen Politik, der nuklearen Rüstung, bestimmen die Atommächte die Richtung, sie sind die Katzen. Die Mäuse - alle Staaten ohne Nuklearwaffen - sind darauf angewiesen, dass die Katzen verantwortungsvoll mit ihrer Macht umgehen. Aber die Gefahr wächst. Die USA und mit ihr die Nato sehen in Russland eine zunehmende Bedrohung und setzen wieder auf atomare Abschreckung. Russland kontert - und stationiert atomwaffenfähige Raketen an der Grenze zur EU. Das gilt als Reaktion auf das als immer gefährlicher empfundene westliche Militärbündnis. Die Welt wird - wie in Kafkas Fabel - enger. Die Spirale des Misstrauens ist in vollem Gange.

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Das ist nicht nur bei dem Konflikt zwischen den alten Supermächten so. Die Atomstaaten Indien und Pakistan denken nicht im Traum daran, ihre Arsenale zu verschrotten. Und der nordkoreanische Diktator Kim Jong-un betrachtet die Bombe als Garantie dafür, dass sein Regime überlebt. Zusätzlich zur Konfrontation mit Washington ebnet Kim so auch einem neuen Rüstungswettlauf in Asien den Weg, der das regionale Gleichgewicht aus den Fugen bringt. Dass Südkorea und Japan ihre nuklearen Optionen zumindest durchspielen, ist nach den nordkoreanischen Bombentests nachvollziehbar. Aber es macht die Welt nicht sicherer.

Der Sperrvertrag hat das globale Wettrüsten nicht verhindert

Nun will Donald Trump offenbar den funktionierenden Atomdeal mit Iran aufkündigen. Das wäre auch für die Nordkorea-Frage fatal. Kim wird zwar ohnehin erst seine atomaren Pläne umsetzen; erst danach könnte sich ein Spielraum für Verhandlungen mit Pjöngjang ergeben. Doch ohne Not würde Trump diesen Spielraum nun einengen. Denn warum sollte der Diktator sich auf Gespräche einlassen, wenn die USA einen mühsam ausgehandelten Deal mit Teheran vernichten?

Kafkas "Kleine Fabel" endet für die Maus tragisch. Nachdem die Katze ihr gerade noch geraten hat, die Laufrichtung zu ändern, frisst sie den Nager auf. Eine einzelne Maus ist machtlos gegen die Katze. Sie ist ihr ausgesetzt. Nun proben in der Atomfrage aber gerade viele Mäuse den Aufstand - aus Frust über die verantwortungslosen Katzen. Zwei Drittel der UN-Staaten haben sich auf einen Vertrag geeinigt, der den Besitz, das Testen und die Verbreitung von Atomwaffen verbietet.

Dieser Deal ist naiv, aber er ist auch historisch. Naiv, weil dadurch zunächst kein einziger Sprengkopf vernichtet, kein Diktator einlenken und legitimer Atomwaffenstaat auf sein Drohpotenzial verzichten wird. Historisch, weil der Pakt die ewige, lebensbedrohliche Logik durchbricht, in der die Atommächte in der Nuklearfrage das alleinige Sagen haben. Sie stehen nun am Pranger, und sie beginnen zumindest schon, sich zu rechtfertigen. So erklärt etwa die amerikanische UN-Botschafterin, sie wünsche sich nichts sehnlicher für ihre Kinder als eine Welt ohne Atomwaffen. Das lasse sich aber nicht durch ein Verbot erreichen.

Dem lässt sich entgegenhalten: Auch bestehende internationale Vereinbarungen sind dafür nicht geeignet. Der Atomwaffensperrvertrag hat weder das globale Wettrüsten noch das Entstehen neuer Atommächte verhindern können. Amerika und Russland, die zusammen mehr als 90 Prozent der Sprengköpfe besitzen, stehen eigentlich in der Pflicht abzurüsten. Aber sie modernisieren vor allem ihre Systeme. Das ist kein Konflikt, der nur zwei besonders mächtige Staaten angeht. Sondern ein globales Problem, das jeden betrifft.

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