Romney-Vize bei Republikaner-Parteitag Paul Ryan greift an - ohne Rücksicht auf Fakten

"Lasst uns das erledigen": Paul Ryan will Amerika als Vizepräsident zu alter Stärke führen und Millionen Jobs schaffen. Der "running mate" von Mitt Romney präsentiert sich als Mustersohn aus der Provinz, hält sich aber mit Details und Faktentreue nicht lange auf.

Von Matthias Kolb, Tampa

Für Paul Ryan gibt es nichts Wichtigeres als seine Familie. Anekdoten über Verwandte sowie persönliche Beispiele ziehen sich durch die wichtigste Rede, die der 42-Jährige in seinem Leben gehalten hat. Bevor der Vizepräsidentschaftskandidat beim Parteitag der Republikaner in Tampa ans Rednerpult tritt, stellen ihn seine blonde Ehefrau Janna sowie Mutter Betty in einer Videobotschaft vor. Der kurze Clip, in dem auch die Söhne Charles und Samuel sowie Tochter Elizabeth in die Kamera lächeln, richtet sich weniger an die Delegierten in Florida, sondern eher an die Millionen vor den Bildschirmen, die bisher nur wenig über Ryan wissen.

Er sehe die Nominierung zum Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten als "Pflicht" an, ruft Ryan. Seine Generation müsse dafür sorgen, dass die eigenen Kinder die gleichen Chancen erhielten, die er selbst genossen habe. Für Ryan, der zum dunklen Anzug eine hellblau gestreifte Krawatte trägt, bedeutet dies: Weniger Staatsausgaben, mehr Freiheit für das Individuum.

Er preist Mitt Romney als geeigneten Mann für diese Aufgabe: "Sein ganzes Leben hat ihn auf diesen Moment vorbereitet. Er weiß, wie man Herausforderungen bewältigt, ohne sich hinter Ausreden oder leeren Phrasen zu verstecken."

Dies ist die erste von vielen Attacken auf den aktuellen Bewohner des Weißen Hauses. Obama habe mehr als fünf Billionen Dollar Schulden angehäuft und versuche, dies den Republikanern in die Schuhe zu schieben. Weil er weder neue Ideen noch eine gute Bilanz habe, bestehe seine Wahlkampagne nur aus Negativ-Spots: "Das ist eine reine Geldverschwendung, aber damit kennt er sich ja aus."

Ryan wirft dem Demokraten vor, er habe sich nicht bemüht, Jobs zu schaffen, sondern stattdessen den Amerikanern seine Gesundheitsreform aufgezwungen. "Wir werden im November siegen und dann Obamacare rückgängig machen", ruft er unter dem Jubel der Delegierten.

Dass Ryan, der dem Haushaltsausschuss des Repräsentantenhauses vorsteht, einen detaillierten Plan ausgearbeitet hat, wonach das Krankenversicherungssystem Medicare durch ein Gutschein-System ersetzt werden soll, erwähnt er nicht. Stattdessen berichtet er, dass sowohl seine Großmutter als auch seine Mutter von Medicare Unterstützung erhielten - die Radikalreform sei nötig, um das System zu "bewahren".

Dies ist die typische Wortwahl der Republikaner, die im gleichen Atemzug der Regierung vorwerfen, 716 Milliarden Dollar bei Medicare zu streichen, um die im Rahmen von Obamacare geplante Ausweitung des Versicherungsschutzes für etwa 30 Millionen Amerikaner zu finanzieren. Diese Aussage stufen Factchecker als "größtenteils falsch" ein; zudem sieht Ryans Budget-Entwurf die gleichen Einsparungen vor. Dies ist nur eines von mehreren Beispielen, in denen Paul Ryan nicht ganz bei der Wahrheit bleibt.

So wirft er Obama vor, dass die USA bei seinem Amtsantritt 2009 von den Ratingagenturen mit der Bestnote "Triple A" bewertet worden seien. "Nun wurden wir abgewertet", ruft Ryan unter Buh-Rufen der Menge. Dabei hatte Standard&Poor's diesen Schritt im Sommer 2011 damit begründet, dass der US-Kongress zu keinem Kompromiss im Schuldenstreit bereit war - und für diesen Schritt war neben dem Republikaner Eric Cantor vor allem Paul Ryan verantwortlich.

Die Tatsache, dass er seit 14 Jahren Abgeordneter und einer der wichtigsten Strippenzieher Washingtons ist, erwähnt Ryan in 35 Minuten kein einziges Mal. Lieber spricht er über seine Geburtsstadt Janesville. Einige Freunde hätten dort in einer Fabrik von General Motors gearbeitet, in der Obama im Wahlkampf 2008 auftrat und Unterstützung für die kriselnde Autoindustrie versprach. Kaum war Obama im Amt, sei die Fabrik geschlossen worden, ruft der Republikaner triumphierend - dabei fiel die Entscheidung schon Ende Oktober 2008 (hier die entsprechende Meldung in der New York Times), als noch George W. Bush im Weißen Haus saß.

Romneys liberale Show-Stehler

mehr...