Reichstagsabgeordneter Otto Wels Der Sozialdemokrat, den Hitler glühend hasste

Einer, der nie aufgab: Otto Wels, SPD, bei einer Kundgebung des demokratischen "Reichsbanners".

(Foto: SZ-Foto/Scherl)

Otto Wels hielt am 23. März 1933 die letzte freie Rede im Reichstag - es wurde die Totenrede der Weimarer Demokratie. Erinnerung an einen demokratischen Helden.

Von Joachim Käppner

Die deutsche Demokratie ist reicher an großen Schlüsselszenen, als man oft denkt: die Berliner Barrikadenkämpfe von 1848, die Ausrufung der Republik im November 1918; der Generalstreik gegen den rechtsradikalen Kapp-Putsch 1920. Ihr vielleicht bewegendster Moment aber vollzog sich am 23. März 1933 in der Berliner Krolloper.

Hier tagten die Abgeordneten des Reichstags, dessen Gebäude im Februar niedergebrannt war. Adolf Hitler, bereits Reichskanzler, ließ die verängstigten Parteien über das "Ermächtigungsgesetz" abstimmen, das ihm diktatorische Vollmachten gab. Draußen johlten seine Anhänger im Chor: "Wir wollen das Ermächtigungsgesetz! Sonst gibt es Feuer!"

Schon die Wahlen vom 5. März 1933 waren von Gewalt und willkürlichen Verhaftungen geprägt und nicht mehr frei gewesen; die Abgeordneten der Kommunisten durften an der Abstimmung in der Krolloper gar nicht teilnehmen. Im Sitzungssaal war die Fraktion der SPD von uniformierten SA-und SS-Leuten umzingelt.

Wie Hitler an die Macht kam

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Hitlers Gegner in den bürgerlichen Parteien kuschten, obwohl es gerade bei den Katholiken viele gab, wie der SPD-Abgeordnete (und spätere bayerische Ministerpräsident) Wilhelm Hoegner schrieb, die Hitler "nicht auch noch den Strick liefern wollten, an dem sie hernach aufgehängt wurden". Aber genau das taten sie, aus Angst, Fraktionsdruck, Furcht vor einem Bürgerkrieg.

Mehrere sozialdemokratische Abgeordnete saßen schon im Gefängnis. Die anderen hatte man gewarnt, zur Sitzung zu erscheinen: Das Risiko für Leib und Leben sei zu groß. Da ergriff Otto Wels das Wort und trat Hitler offen entgegen.

Ein Mann gegen den Hass

In seiner Rede begründete er, warum seine Fraktion dem Ermächtigungsgesetz niemals zustimmen werde; der berühmteste Satz lautete: "Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht".

Hoegner erlebte einen Augenblick von "tragischer Größe". Groß waren Mut und Haltung, die Otto Wels in dieser letzten Stunde des Weimarer Parlamentarismus verkörperte. Tragisch war die Aussichtslosigkeit des Widerstandes; Hitler und die NSDAP hatten den Staat bereits im Griff und gingen als Sieger aus diesem Tag hervor, das Gesetz wurde mit 444 Stimmen beschlossen, allein gegen die Stimmen der Sozialdemokraten.

Der deutsche Reichstag hatte sich selbst entleibt. Größe wiederum liegt im Beispiel, das Otto Wels als Kämpfer für die deutsche Demokratie geliefert hat, die seit den Bauernkriegen eher eine der Niederlagen und Rückschläge gewesen war; und wo sie siegte, wie 1918/19, verstand sie den Sieg nicht zu bewahren.

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Ein Mann gegen Hass und Unverstand, einer der großen Gegner des Rechtsextremismus - Otto Wels ist ein passendes, für die heutige Zeit gut gewähltes Vorbild, das Bundestagspräsident Norbert Lammert im März 2017 als Namensgeber für ein Parlamentsgebäude am Berliner Boulevard Unter den Linden ausgesucht hat.

Ein bekanntes Diktum über die erste deutsche Demokratie lautet, sie sei eine Republik ohne Republikaner gewesen. Aber das stimmt so nicht. Republikaner gab es viele, auch solche, welche die Freiheit verteidigen wollten gegen deren Feinde. Aber die Republik verstand sich nicht darauf, sich zu verteidigen. Einer, der es immer versucht hat, war Otto Wels.

Das Wilhelminische Ancien Régime wurde nicht gründlich genug entmachtet

Er kam aus kleinen Verhältnissen: Wels, am 15. September 1873 geboren, war der Sohn eines Berliner Gastwirts. Er besuchte die Volksschule und lernte Tapezierer, 1891 trat er der SPD bei, die eben die Verfolgung durch Bismarcks Sozialistengesetze überstanden hatte und sich im selben Jahr mit dem Erfurter Programm zum dogmatischen Sozialismus bekannte.

1912 zog er für die SPD in den Reichstag ein, für die nun größte und wichtigste Oppositionspartei. Wels war eher ein Mann der Mitte, den zunehmend radikalen Flügel um Karl Liebknecht betrachtete er mit Sorge. Andererseits warnte er die zu sehr auf Ausgleich bedachte SPD-Führung gegen Ende des Ersten Weltkrieges: Die Partei müsse aufpassen, nicht mit in die Konkursmasse des Kaiserreichs gezogen zu werden.

Genau das aber ist nach der Revolution der Soldaten und Arbeiter im November 1918 geschehen. Der "Rat der Volksbeauftragten", gebildet aus je drei Mitgliedern der SPD (auch Mehrheits-SPD, MSPD, genannt) und der linken Abspaltung USPD, war überfordert und schaffte es nicht, das Ancien Régime des Wilhelminischen Deutschlands gründlich genug zu entmachten.

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Im Gegenteil: Im Interesse der Stabilität arbeitete diese provisorische Reichsregierung mit dem alten Militär und den hergebrachten "Eliten" in der Beamtenschaft zusammen.

Umso schneller schwand auf der Straße der Anhang der Genossen. Wels selber versuchte als Berliner Stadtkommandant im Dezember 1918 zwischen den Volksbeauftragten und der "Volksmarinedivision" zu vermitteln, die eigentlich nach Berlin gekommen war, um eine Regierung, die sie für die ihre hielt, vor Angriffen reaktionärer Truppenverbände zu beschützen.

Stattdessen fand sie diese Regierung im Bunde mit alten Generälen; die Matrosen besetzten aus Protest das Berliner Stadtschloss und nahmen Wels als Geisel.