Rededuell mit Merkel Wie Steinbrück sich selbst bezwang

Eine Debatte auf anständigem Niveau - im doppelten Sinne: Beim Schlagabtausch zwischen Angela Merkel und ihrem Herausforderer Peer Steinbrück präsentiert sich die Kanzlerin als Macherin, der SPD-Mann findet die Balance zwischen oppositionellem Angriff und Kandidaten-Coolness. Dass er weniger gereizt als in den vergangenen Wochen wirkte, zeigt: Der Kandidat hat gelernt.

Ein Kommentar von Nico Fried, Berlin

Das erste Duell zwischen der Kanzlerin und ihrem Herausforderer hat Gewinner und einen Sieger. Gewinner ist das Publikum, sind die Wählerinnen und Wähler. Angela Merkel und Peer Steinbrück lieferten sich eine Debatte auf - im doppelten Sinne - anständigem Niveau.

Beide gingen fair miteinander um und beiden gelang es, das ihnen Wichtige herauszustellen: Merkel das Erreichte nach zwei Jahren Euro-Rettung, Steinbrück die Defizite. Wer behauptet, es gebe keine Unterschiede, der wurde eines Besseren belehrt. Die Kanzlerin war, nach anfänglichen Hasplern, konzentriert und engagiert. Der Herausforderer ist - und wird es bleiben - der elegantere Redner.

Und der Sieger? Die Kanzlerin ist bei einer Regierungserklärung im Vorteil, weil sie sich als Macherin inszenieren kann. Deshalb betonte Merkel das, was für Europa getan wurde, und dankte ebenso artig wie vergiftet der Opposition für deren Mithilfe. Der Friedensnobelpreis für die EU gestattete es ihr, etwas Pathos einzustreuen, was zum Glück auf Kosten einiger Details der Rettungsschirme ging.

So manch pauschaler Vorwurf

Eine Regierungserklärung ist aber auch ein formaler Akt, der die Rednerin einengt. In dieser Art von Duell ist es eher von Nachteil, dass die Kanzlerin zuerst "feuern" darf. Der Redner der Opposition kann reagieren, was ihm mehr Lebendigkeit erlaubt. Das liegt Steinbrück und er hat daraus das Beste gemacht.

Den härtesten Treffer setzte der Kandidat, als er Merkel als Kanzlerin beschrieb, der es weniger in Europa, sondern vor allem in der eigenen Koalition an Respekt fehle. Im Umgang mit Griechenland, so monierte Steinbrück zu Recht, wirke die Koalition kakofon, ungeführt und teilweise unsensibel konfrontativ - zum Schaden Deutschlands in der EU.

Mancher Vorwurf des Kandidaten wiederum kam etwas pauschal daher, zum Beispiel die angebliche Isolation der Bundesregierung in Europa. Auch hinterließ er einen Widerspruch, als er Wachstumsimpulse für Europa forderte, kurz darauf aber einen strikteren Sparkurs in Deutschland. Und dass Merkel jetzt erst Bekenntnisse zu Europa abgebe, die sie vor zwei Jahren unterlassen habe, ist schlicht falsch.

Gelassener als in der Nebeneinkünfte-Debatte

Unanfechtbar dagegen Steinbrücks Aufzählung von allerhand Unterschieden, die sich in der Euro-Krise zwischen Ankündigungen und Taten der Regierung angehäuft haben. Seinen Lieblingsvorhalt von den "Pirouetten und Volten" Merkels ließ Steinbrück diesmal aber weg, was klug war nach dem Veitstanz, den sich seine SPD selber in der weit weniger existenziellen Frage der Kanzlerkandidatur geleistet hat.

Merkel war Merkel. Was soll sie verändern als Kanzlerin mit hohen Ansehenswerten? Steinbrück fand die Balance zwischen oppositionellem Angriff und der Souveränität eines Kandidaten, der regieren will. Das eine wirkte nicht überdreht, das andere gelassener als in der Diskussion um seine Nebeneinkünfte. Der Kandidat erschien nicht mehr so gereizt wie zuletzt.

Das Duell endete unentschieden. Ein Sieger aber war Steinbrück trotzdem, weil er sich in mancher Hinsicht selbst bezwang.