Rechtsextremer Terror Polizei nimmt ehemaligen NPD-Funktionär fest

Ein weiterer mutmaßlicher Neonazi-Terrorist ist am Morgen in Jena festgenommen worden. Der 36-jährige Ralf W. hatte offenbar seit Mitte der neunziger Jahre Kontakt zu den Mitgliedern der Zwickauer Terrorzelle. Der Vorwurf wiegt schwer: Der Rechtsextremist soll in sechs Mordfälle und einen versuchten Mord verstrickt sein.

Ein weiterer mutmaßlicher Neonazi-Terrorist ist am Dienstagmorgen in Jena festgenommen worden. Ralf W. sei dringend verdächtig, die Gruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) unterstützt zu haben, teilte die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe mit. Ihm wird Beihilfe zu sechs Morden und einen versuchten Mord vorgeworfen. Es handelt sich um einen ehemaligen NPD-Funktionär. Die Süddeutsche Zeitung berichtet in ihrer heutigen Ausgabe über die einschlägigen Umtriebe W.s und seiner Kumpane.

"Nach den bisherigen Erkenntnissen war der 36 Jahre alte Beschuldigte seit 1995 in rechtsextremistischen Kreisen in Thüringen aktiv", so die Bundesanwaltschaft. Er habe schon damals "in enger Verbindung zu den drei Mitgliedern des NSU" gestanden und soll diese bei ihrer Flucht im Jahr 1998 und in der Folge finanziell unterstützt haben.

Weiter heißt es, aufgrund seiner anhaltenden Verbindung zu der unter falscher Identität lebenden Gruppe habe er von ihren terroristischen Straftaten gewusst.

Der Beschuldigte soll den Angaben zufolge noch heute dem Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs vorgeführt werden, der ihm den Haftbefehl eröffnen wird.

Die Karlsruher Anklagebehörde wirft W. unter anderem vor, der Neonazi-Gruppe eine Schusswaffe und Munition besorgt zu haben. Außerdem soll er ihnen den Kontakt zum mutmaßlichen Helfer des Neonazi-Trios Holger G. vermittelt haben.

W.s Laufbahn in der Neonazi-Szene war bereits zuvor bekannt: Mit zwei weiteren Männern und den späteren drei Zwickauer Bombenbauern bildete er in den neunziger Jahren zunächst die sechsköpfige "Kameradschaft Jena". Ein Jahr nach dem Untertauchen seiner Bekannten trat W. nach Verfassungsschutzangaben Anfang 1999 in die NPD ein, wo er in Thüringen rasch Karriere machte: Mit Unterbrechungen sei er von 1999 bis Mitte 2008 Vorstandsmitglied gewesen - von Juli 2006 bis Mai 2008 sogar stellvertretender Landesvorsitzender in Thüringen.

Bindeglied zwischen NPD und "freier" Neonazisszene

Bis etwa Anfang 2010 leitete er demnach außerdem mit Unterbrechungen den Kreisverband in Jena. Nach NPD-Angaben trat W. 2009 aus "persönlichen Gründen" aus der Partei aus, ohne dass die NPD Konflikte als Ursache nannte.

In den Thüringer Verfassungsschutzberichten füllt er über Jahre hinweg Seiten - sowohl mit Aktivitäten für die NPD als auch für die "freie" Szene: Er machte aus einem in der Stadt als "Braunes Haus" etikettierten ehemaligen Gasthaus einen auch überregional genutzten Treffpunkt der rechten Szene, hielt Reden bei Kundgebungen in großen und kleinen Städten oder vor einem Asylbewerberheim, störte bei einer Ausstellung des Verfassungsschutzes und organisierte landesweite Treffs der Szene.

Seine Aktivität sei einer der Belege für die Vernetzung von NPD und Neonaziszene in Thüringen, heißt es in einem der Verfassungsschutzberichte.

Nach einer Durchsuchung bei W. am Donnerstag vergangener Woche hatte er in Medien erklärt, er habe die Untergetauchten nie unterstützt und seit 1998 auch keinen Kontakt mehr zu ihnen. Das Bundeskriminalamt dürfte nicht genug Material gegen ihn in der Hand haben, sagte er damals.

Offensichtlich irrte der Mann. Nun ist Ralf W. neben der Hauptverdächtigen Beate Zschäpe und dem mutmaßlichen Helfer Holger G. aus dem Raum Hannover und dem in Brandenburg gefassten André E. der vierte Rechtsextremist, der im Zusammenhang mit den NSU-Verbrechen festgenommen wurde.

Zuvor hatte die Leipziger Volkszeitung von einem Hinweis berichtet, wonach die Terrorverdächtige Beate Zschäpe staatlicherseits "gedeckt" worden sei. Demnach habe sie womöglich als Informantin der Sicherheitsbehörden in Thüringen agiert.