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Rechte Szene in Deutschland:Hakenkreuze am Tannenbäumchen

Neonazis aus Sachsen und Thüringen sind eng vernetzt - auch mit der NPD. Das zeigen Forumsbeiträge auf der Internetplattform "Freies Netz", in dem sich führende Mitglieder der Kameradschaftsszene, aber auch der Jungen Nationaldemokraten austauschen.

Jan Bielicki

Über dem Sofa hingen, ordentlich gerahmt, die Nürnberger Rassegesetze. Auch ein mit Hakenkreuzen behängtes Tannenbäumchen fanden die Beamten des sächsischen Landeskriminalamtes, als sie im Februar 2008 die Wohnung des damaligen NPD-Landtagsabgeordneten Peter Klose durchsuchten.

NPD-Anhänger bei einem Aufmarsch in Hannover

Kontakte mit sogenannten Freien Kräften: NPD und Kameradschaftsszene stehen in engem Austausch.

(Foto: dapd)

An seiner Gesinnung hat der inzwischen parteilose Klose nie Zweifel gelassen. Doch mit der neonazistischen Terrorzelle, die in seiner Heimatstadt wohnte, will er "absolut nichts zu tun" haben. Klose hatte sich auf seiner Facebook-Seite seit Oktober Paul Panther genannt - wie Paulchen, der rosarote Panther, der durch die DVD der Terroristen führte. Klose selbst galt Beobachtern der Zwickauer Szene eher als skurril, doch sein Bürgerbüro im Bahnhofsviertel "war der Kern der hiesigen Nazi-Szene", sagt der linke Stadtrat René Hahn. Dort sammelten sich jüngere Kräfte mit engen Verbindungen zu jenem Milieu, dem auch das Neonazi-Trio aus der Frühlingsstraße entwachsen war: den sogenannten Freien Kräften, militant, aktionsorientiert und gut vernetzt - auch mit der NPD.

Der Thüringer Daniel P. etwa wohnte gleich um die Ecke des NPD-Bürgerbüros, in einer Extremisten-WG mit Mitgliedern der Hassrock-Band Eternal Bleeding. Häufig wurden die Zwickauer Kameraden von Thomas G., Spitzname "Ace", aus dem thüringischen Altenburg besucht. Er gilt Verfassungsschützern als führender Kopf der freien Kameradschaftsszene und gehörte in den neunziger Jahren dem "Thüringer Heimatschutz" an - in dem sich auch Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe vor ihrem Untertauchen in Jena bewegten. Seit der Zeit hält G. enge Verbindungen mit dem Jenaer Neonazi und ehemaligen NPD-Landesvize Ralf W., der im Verdacht steht, im Kontakt zu den Untergetauchten gestanden zu haben. Mittlerweile hat die Bundesanwaltschaft bekanntgegeben, dass sie W. am Dienstagmorgen hat festnehmen lassen. Ihm wird Beihilfe zum Mord in sechs Fällen sowie zu einem Mordversuch vorgeworfen.

Als Klammer, die die Kameradschaften zusammenhält, gilt das "Freie Netz". Erst Anfang November veröffentlichten linke Aktivisten aus Sachsen Beiträge aus einem geschlossenen Internet-Forum dieses Netzwerks. Das Material aus den Jahren 2008 und 2009 zeigt, wie eng die freien Neonazi-Kräfte in Sachsen und Thüringen verschränkt sind. Hinter den User-Namen der 21 Forums-Teilnehmer stecken die Führungsfiguren der Szene: etwa Thomas G. und der Zwickauer Daniel P., aber auch Tommy N., Sachsen-Chef des NPD-Nachwuchses Junge Nationaldemokraten.

Wortführer ist ein Mann, der sich "Sibelius" nennt und eine besondere Beziehung zur NPD hat. "Ich arbeite nicht für deren Machtinteressen und bin keiner von ihnen", schreibt er, und dass er sich der Partei "nicht verbunden fühle". Dabei ist Maik Scheffler, der sich hinter diesem Pseudonym verbirgt, Stellvertreter von Parteichef Holger Apfel im sächsischen NPD-Landesvorstand.

"Wir sind ja Nationalsozialisten"

"Wir sind ja Nationalsozialisten", sagt der Teilnehmer "Feldgrau", den die Enthüller als Tommy N. identifizieren. Und sie chatten über Gewalttaten: "Wir haben uns überlegt, die Polizeiwache anzugreifen und abzufackeln!", schreibt "Hugo". Und "Sibelius" antwortet: "Ohne einen abzustechen? Ist ja langweilig." Bei "Ralf" - also Ralf W. - stößt der Vorschlag auf "breite Zustimmung". Die Zitate seien "völlig aus dem Zusammenhang gerissene Sachen", sagt Scheffler zwar auf Anfrage - aber bestreiten mag er sie nicht. Nur die drei mutmaßlichen Terroristen, die habe er "nie gesehen, nach dem Untertauchen nicht und auch vorher nicht".

© SZ vom 29.11.2011/mane/gba
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