Rechte Strömungen in Sachsen Sachsenland unter

Pegida-Anhänger im Herbst 2016 in Dresden

(Foto: dpa)

Heike Kleffner und Matthias Meisner analysieren die Lage im Freistaat zwischen Pegida, Anti-Flüchtlingsparolen und Rechtsextremismus. Eine Rolle spielt dabei die CDU - und das oft sehr persönliche Engagement einiger Autoren.

Rezension von Cornelius Pollmer

Matthias Meisner schreibt als Journalist für den Berliner Tagesspiegel und als digitalöffentlicher Aktivist bei Twitter. Dort kann man Augenzeuge all der Kabelbrände werden, die in Meisners Kopf ausbrechen, hier ein Beispiel aus der vorigen Woche: Meisner stellte ein Bild der drei Senkrecht-Busse vor der Dresdner Frauenkirche ein, ergänzt um die Forderung, dieses "Monument" solle "#Weltkulturerbe werden!"

Auf verwunderte Nachfrage schrieb er: "Ist doch eine gute Idee, oder? Wer schließt sich der Forderung an?" Das ist der Nerv-Meisner, den einige Kollegen auch für einen Nervt-extrem-Meisner halten: Es fehlt ihm an Maß und Sinn für Verhältnisse, in allem sieht er immer und gleich "spannende Debatten", "Skandale" oder einen weiteren Beleg für das, von dem alle, die seinen Namen kennen, eh wissen, dass er es glaubt. Der Nerv-Meisner schreit ständig "Feuer!" und erkundigt sich selten nach einem Brandschutzkonzept.

Gleichzeitig hat sich der digitalöffentliche Mensch Meisner in der meistenteils deprimierenden Gegenwart Sachsens seit Pegida in einer Weise verdient gemacht, die heimlich sogar jene anerkennen, die ihn für einen Nervt-extrem-Meisner halten.

Es fehlt in Sachsen zuweilen an Empörungswachsamkeit, an Widerspruchsgeist und Veränderungsglauben gegen herrschende Verhältnisse. Es gibt in Sachsen eine oft gefährliche Neigung, das Abwarten der Aktion vorzuziehen. In dieser Hinsicht ist der dauerfunkende Meisner eine wichtige Irritation - und gefühlt manchmal selbst dann in Sachsen präsent, wenn er sich faktisch-körperlich eigentlich in Preußen befindet (Zwinker-Smiley!).

Wenn einen manche Leute oft doof und andere immer toll finden, dann einigt man sich in der Ära der Simplifizierung in der Regel auf die überwiegend wohlmeinende und trotzdem idiotische Wertung, jemand polarisiere. Dass aber Polarisation von einem gewissen Punkt an den Verhältnissen nicht mehr dienlich ist, lässt sich nachgerade in Sachsen beobachten.

Insofern durfte man skeptisch sein bei der Ankündigung, Matthias Meisner und die linke Akteurin und Autorin Heike Kleffner würden ein Buch herausgeben. Dieses liegt nun vor, und wenn es auch kein Weltjournalismuserbe werden wird, so ist doch eindeutig und ohne Ironie festzuhalten, dass es ziemlich gut geworden ist.

Mehr als 40 Autoren haben zu den drei Teilen von "Unter Sachsen" beigetragen. Das Buch beginnt mit einer Vermessung der gesellschaftlichen Mitte im Freistaat seit der Wiedervereinigung, es geht danach in die Fläche an viele jener Orte im sogenannten ländlichen Raum, an denen es schon gebrannt hat, immer noch brennt, bald wieder brennen könnte. In seinem letzten Akt fragt das Buch nach der Hoffnung, und die lebt noch, selbst in Sachsen.

Herausgearbeitet wird die Verharmlosung rechter Umtriebe durch die CDU

Ziemlich gut geworden ist dieses Buch nicht, weil es die Frage beantworten würde, die sich nicht nur eierscheckige Einwohner immer wieder stellen: warum Sachsen? Darauf gibt es keine einzige Antwort, und "Unter Sachsen" vermeidet den Fehler, eine solche geben zu wollen.

Ziemlich gut geworden ist das Buch, weil es erschreckende Einzelbekanntheiten zu einem dann noch erschreckenderen Gesamtbild bündelt und weil es schon durch die Vielzahl der gut ausgewählten Autoren eine Differenziertheit bekommt, die Einzelakteure nie erreichen können.

Im Detail: Das Buch arbeitet die konsequente Verharmlosung rechter Gesinnung und Gewalt in Sachsen durch die CDU seit 1990 heraus. Es erinnert an die "Lichtelläufe" im erzgebirgischen Schneeberg, mit denen die Fremdenfeindlichkeit sächsischer Prägung schon Ende 2013 erstmals wieder groß aufleuchtete. Und es führt einem die fatale Gegenwartsbilanz noch einmal vor Augen, etwa in den Worten von SPD-Landeschef und Vizeministerpräsident Martin Dulig.

Eine Gemeinde, hoffnungslos gespalten

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Dieser sagt, mit Verweis auf den Regierungspartner, Sachsen sei nach 25 Jahren CDU-Führung ein "demokratiepolitisches Entwicklungsland". Wem das mal wieder zu nestbeschmutzend scheint, dem kann in Teil II geholfen und auch so richtig übel werden, etwa wenn er den Bericht des bewundernswert ausdauernden Thomas Datt aus Colditz liest, einer "rechtsfreien Zone im mittelsächsischen Hügelland".

Der Gesamtkraft von "Unter Sachsen" schaden seine Schwächen nicht erheblich, zu benennen sind sie dennoch. Aushaltbar sind Redundanzen wie die Schilderungen schlechten Wetters auf dieser oder jener Demonstration. Es regnet halt manchmal, und im Winter ist es kalt.

Einseitigkeit einzelner Beiträge

Aushaltbar sind zuweilen schiefe und verkürzte Argumentationen wie jene, dass es ja kein Zufall sein könne, dass die AfD als Erstes ausgerechnet in Sachsen in ein Landesparlament einzog - war es in gewisser Weise eben doch, legt man den Wahlkalender und den der Weltläufe nebeneinander. Mehr noch: In Sachsen sind (linke) Demokraten rückblickend gar froh, dass die Wahl 2014 knapp vor das Aufkommen von Pegida fiel.

Aushaltbar, aber ärgerlich ist die Einseitigkeit einzelner Beiträge. So wird der Kabarettist Uwe Steimle über viele Seiten mit Aus-dem-Internet-Zusammengeschriebenen vernichtet, darf aber kein einziges Mal selbst gegenhalten (falls er gefragt worden ist und nicht wollte, gehört das zumindest erwähnt).

So wird im Beitrag über die "Gruppe Freital" abschließend geurteilt, während der reale Terrorprozess gerade erst begonnen hat. Und so übt man sich im selben Stück selbstbewusst im Verzicht auf Recherche: Es sei nicht bekannt, ob der Oberbürgermeister und ein rechts-vernebelter Kneipenwirt einander kennten, aber "sollte es so sein, würden sie sich vermutlich ziemlich gut verstehen".

Derlei Herangehen, das nur finden kann, was es sucht, unterscheidet sich in gewiss anderer Weise kaum von dem, was die Herausgeber an den "sächsischen Verhältnissen" zu Recht kritisieren.

Heike Kleffner, Matthias Meisner (Hg.): Unter Sachsen. Zwischen Wut und Willkommen. Ch. Links Verlag 2017, 312 Seiten, 18 Euro. E-Book: 12,99 Euro.

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