Radikalisierung In der Schule des Dschihad

  • In einem Dortmunder Islamisten-Kreis sollen Kämpfer für den IS rekrutiert worden sein.
  • Der Anführer soll der in Dortmund geborene Boban S. gewesen sein.
  • Auch Anis Amri soll ihm angehört haben.
Von Hans Leyendecker und Georg Mascolo

Islamisten im Revier war die Anschrift vertraut: Lindenhorster Straße in Dortmund. Man musste durch einen Torbogen gehen und auf der zweiten Klingel von unten stand: "Madrasa". Der Begriff ist die Bezeichnung für eine Schule, in der islamische Wissenschaften gelehrt werden. Eine solche Schule kann viele Gebäude umfassen und über große Bibliotheken verfügen, aber sie kann auch nur aus einem einzigen Unterrichtsraum bestehen.

Die Madrasa in Dortmund war in einer Wohnung untergebracht, am oberen Treppenabsatz in der ersten Etage geradeaus. Man kam nur rein, wenn man einen islamistischen Leumund hatte. Was hinter den Türen stattfand, beschäftigte Staatsschützer, Verfassungsschützer, Strafverfolger - und eine wichtige Quelle der Polizei berichtete über das, was in dieser sehr speziellen Madrasa gelehrt wurde: der Dschihad.

Die Ideologie des sogenannten Islamischen Staates (IS) sei dort verbreitet worden, heißt es gleichlautend in einigen amtlichen Papieren, die Süddeutsche Zeitung, NDR und WDR einsehen konnten. Angeblich seien dort Kämpfer für den IS rekrutiert worden. Und mittendrin sei Anis Amri gewesen, der immer davon redete, dass er mal einen Anschlag in Deutschland machen wolle. Der Anführer in dieser Schule soll der 1980 in Dortmund geborene Boban S. gewesen sein, der zum Kern der Truppe um den Salafisten-Prediger Abu Walaa gehört, gegen die wegen des Verdachts der Terror-Unterstützung ermittelt wird.

Zum IS rübermachen

Boban S., der Anis Amri nahe gestanden haben soll, ist deutscher und serbischer Staatsangehöriger. Gegen den 36-Jährigen, der in Untersuchungshaft sitzt, läuft ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Unterstützung einer terroristischen Vereinigung im Ausland und des Verdachts der Werbung um Mitglieder oder Unterstützer des IS.

Eine Vertrauensperson der Polizei sagte in einer Vernehmung, der 36-jährige Boban S. habe von seinen Schülern verlangt, dass diese in den Krieg ausreisen sollten. "Sein gesamtes Handeln" sei auf die Ziele des IS ausgerichtet gewesen. Aus Sicht der Vertrauensperson bestand der Sinn des Lebens bei Boban S. darin, dem IS zu "dienen".

In einer Vernehmung am 13. März dieses Jahres berichtete die in die Szene eingeschleuste Vertrauensperson der Staatsschützer, Boban S. habe bei einem der Treffen die Schüler gedrängt, diese sollten endlich zum IS rübermachen, weil die "Brüder" im Irak und in Syrien in Schwierigkeiten seien. Natürlich gebe es Ausreiseverbote der deutschen Behörden, aber die könnten umgangen werden. Zur Not könne man auch zu Fuß nach Syrien oder in den Irak gehen. Die Flüchtlinge, die nach Deutschland kämen, würden vormachen wie das möglich sei. Man muss das alles vor Augen haben, wenn man über den Weg von Anis Amri redet.

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Boban S. - Ein "extremer Hardliner"

Ein radikaler Islamist, der zeitweise beim IS in Syrien war, viel erlebt hat und jetzt bei den Ermittlern über die Szene auspackt, meinte Ende September in einer Vernehmung, Boban S. sei ein "extremer Hardliner", der seine Schüler zum bewaffneten Dschihad aufgefordert habe.

Der islamistische Radikalinski Boban S. scheint Amri gemocht und ihm auch vertraut zu haben. Der Tunesier hatte einen Schlüssel zu der Dortmunder Madrasa, zeitweise schlief er dort auch. Ein Mobiles Einsatzkommando der Dortmunder Polizei, das sich intensiv mit der Schule und den Schülern beschäftigte, meldete, dass Amri zeitweilig in der Lindenhorster Straße gelebt habe. So steht das jedenfalls in amtlichen Akten.

Das mit Boban S. und dem Tunesier kannten also die Behörden ziemlich gut. Als sich Amri im Internet für Chemikalien interessierte, die zur Herstellung von Bomben taugen könnten, notierten die Staatsschützer, da gebe es ja Boban S. Dieser verfüge über "ausreichend Expertise" zu möglichen Eigenlaboraten. Er sei ein studierter Chemieingenieur. Allerdings gebe es keine Anhaltspunkte, dass Boban S. in die "Pläne" des Amri involviert sei.

Pläne des Amri?

Aus heutiger Sicht klingt das alles ungeheuerlich. In den internen Unterlagen des Staatsschutzes, die wenige Tage vor dem Attentat in Berlin über Amri zusammengestellt wurden, werden neun Islamisten mit Fotos als Amris Kontaktpersonen aufgeführt. Nummer eins ist Boban S. Nummer sechs ist ein aus Gelsenkirchen stammender Mann, mit dem Boban S. angeblich durch Europa getourt ist, um sichere Wege für die Reise zum "Islamischen Staat" zu finden. Auch Amri wollte mal zum IS, doch dann entschied er sich offenbar dafür, den Anschlag in Berlin zu begehen.

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