Prozess Attentäter von Stockholm bekennt sich schuldig

Nach dem Attentat legten Menschen Blumen auf schwedische Polizeiautos, um den Beamten für ihre Arbeit zu danken.

(Foto: Jonathan Nackstrand/AFP)
  • Rakhmat Akilov ist im April 2017 mit einem gestohlenen Lkw durch die Stockholmer Innenstadt gerast, hat dabei fünf Passanten getötet und zehn weitere verletzt.
  • Die Anklageschrift zeigt nun, dass er noch größeren Schaden anrichten wollte: Er hatte einen Sprengsatz im Lkw verstaut.
  • Beim Prozessauftakt hat sich der 39-Jährige schuldig bekannt.
Von Silke Bigalke, Stockholm

Er wollte Schrecken verbreiten und möglichst viele Menschen umbringen. Rakhmat Akilov hat das bereits gestanden und sich beim Prozessauftakt an diesem Dienstag schuldig bekannt. Der Mann aus Usbekistan war im April vergangenen Jahres mit einem gestohlenen Lastwagen durch die Stockholmer Innenstadt gerast, tötete dabei fünf Passanten und verletzte zehn weitere. Die Anklageschrift zeigt nun, dass er noch größeren Schaden anrichten wollte: Er hatte einen Sprengsatz im Lkw verstaut. Staatsanwalt Hans Ihrman sagte vor dem Prozess, er wolle dafür sorgen, dass Akilov sich niemals wieder frei in Schweden bewegen könne.

Im Prozess wird es nun zu einem großen Teil um die Motive des Angeklagten gehen. Wie viel hat er im Voraus geplant, wie viel war Verzweiflungstat? Aus dem 9000 Seiten langen Untersuchungsbericht geht hervor, dass sich der 39-Jährige bereits Monate vor der Tat radikalisiert hat. Die Ermittler fanden verschiedene Zugänge zu Online-Chats. Darüber soll er Kontakt zu mehreren Personen mit Verbindung zur Terrororganisation Islamischer Staat gehabt haben. Zu deren Identität sagte der schwedische Geheimdienst bisher nur, dass sie sich in verschiedenen Ländern außerhalb Schwedens aufhielten. Offenbar hatte Akilov über das Internet angeboten, einen Anschlag in Stockholm zu verüben, um seine Loyalität zum IS zu zeigen. Der hatte die Tat jedoch nicht für sich reklamiert.

Terrorverdächtiger 19-Jähriger wollte "als Märtyrer sterben"

Das soll er einem Maulwurf vom Verfassungsschutz geschrieben haben. Am zweiten Prozesstag müssen die Beteiligten außerdem blutrünstige Propagandafilme sichten, die beim Angeklagten gefunden wurden. Von Olaf Przybilla mehr ...

Nur Stunden zuvor soll Rakhmat Akilov ein Video aufgenommen haben. Es sei "Zeit zu töten", sagt er darin. Noch während er den Lastwagen fuhr, hatte er offenbar Kontakt zu mindestens einer Person. Er soll Selfies aus dem Lkw geschickt haben und ein Foto von dem selbstgebauten Sprengsatz, mit fünf Kanistern Butan-Gas, Schrauben, Messern und anderen Metallstücken. Einen halben Kilometer weit raste er über Stockholms belebteste Einkaufsstraße, bevor er gegen die Fassade eines Kaufhauses prallte. Das Fahrerhaus des Lkw ging in Flammen auf, doch die Bombe explodierte nicht. Akilov konnte zunächst fliehen und wurde Stunden später im Norden von Stockholm festgenommen.

Die Anklage beschreibt ihn als einsamen Menschen ohne Papiere

In der Anklageschrift heißt es, sein Ziel sei gewesen, Schrecken zu verbreiten. Er habe die Regierung in Stockholm dazu bringen wollen, sich nicht an einer "internationalen Koalition" gegen den Islamischen Staat zu beteiligen. Der Angeklagte streitet das nicht ab. "Es hat niemals Zweifel daran gegeben, dass er den Laster gefahren ist", sagt sein Verteidiger Johan Eriksson. Er gestehe, dass es seine Absicht war, einen Terroranschlag auszuüben und eine große Anzahl von Menschen zu töten. Sein Mandant habe nicht damit gerechnet, die Tat zu überleben. Auf der Klägerliste stehen 155 Namen von Betroffenen, Opfern, Angehörigen und Verletzten.

Rakhmat Akilov war 2014 nach Schweden gekommen, seine Frau und seine Kinder hatte er in Usbekistan zurückgelassen. Er hatte Asyl beantragt und war abgelehnt worden. Damit er nicht ausgewiesen wurde, ist er untergetaucht. Die Anklage beschreibt ihn als einsamen Menschen ohne Papiere, der Jobs auf dem Bau annahm. Sie geht davon aus, dass er bewusst einen Freitagnachmittag für seine Tat ausgewählt hat, weil dann mehr Menschen unterwegs sind. Offenbar hat er sich im Internet nach möglichen anderen Zielen umgesehen, hat dort nach "Schwulenklub Stockholm" gesucht. Jahre vor dem Anschlag im April hatte es in Stockholm schon einmal einen Terroranschlag gegeben. Damals kam nur der Täter ums Leben, er sprengte sich in die Luft. Dieses Mal aber steht der mutmaßliche Täter vor Gericht. Er wird dort vermutlich kommende Woche befragt.

Insgesamt soll das Verfahren bis Mai dauern. In den vergangenen Monaten ist in Schweden viel über Sicherheit diskutiert worden. Das Land hat ein wachsendes Problem mit Radikalisierung. Allein 300 Menschen sind aus Schweden in den Irak und nach Syrien gereist, um an der Seite von Terroristen zu kämpfen, etwa die Hälfte ist zurückgekehrt. Die Polizei bekommt zudem die Gewalt in einigen Vierteln von Stockholm, Malmö und Göteborg nicht in den Griff. Im September wählen die Schweden ein neues Parlament, Sicherheit ist schon jetzt eines der wichtigsten Wahlkampfthemen.

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