Rettungsschiff "Lifeline" Der Lebensretter aus Landsberg

Claus-Peter Reisch ist Kapitän der "Lifeline". Seit April 2017 engagiert er sich in der Seenotrettung.

(Foto: dpa)
  • Claus-Peter Reisch war Kapitän der Lifeline. Das Rettungsschiff mit mehr als 230 Flüchtlingen an Bord durfte am Mittwoch nach mehrtägiger Odyssee im Hafen von Valletta anlegen.
  • Dem Kapitän drohen juristische Konsequenzen.
  • Reisch nennt die Geflüchteten "Gäste" und wehrt sich gegen das Argument, Rettungsmissionen beförderten die Flucht.
Von Jan Heidtmann

Es sind nur 39 Sekunden auf Youtube. Doch sollte man jemals in Seenot geraten, hofft man nach diesem Video, Claus-Peter Reisch wäre dann in der Nähe. Ganz ruhig steht er da vor der Brücke seines Schiffes, im Hintergrund sind einige der Geflüchteten auf der Reling sitzend zu sehen. Ganz ruhig schildert Reisch auch, dass die Lage an Bord "stabil sei", und er liefert sogar noch einen Abriss der Flüchtlingspolitik Europas in diesen Tagen: "Es scheint, als ob die Weltpolitik auf dem Rücken dieser Menschen ausgetragen wird."

Kapitän Reisch, 57, hat das Video irgendwann in den vergangenen Tagen aufgenommen, als sein Schiff, die Lifeline, mit mehr als 230 Geflüchteten an Bord im Mittelmeer vor Malta kreuzte. Eine Woche dauerte die Odyssee, an diesem Mittwoch dann durfte die Lifeline im Hafen der maltesischen Hauptstadt Valletta festmachen. Er habe in dieser Zeit kaum mehr als drei Stunden am Stück geschlafen, erzählt Reisch. Jetzt würde er sich gerne erst einmal hinlegen: "Aber ich muss noch einmal zur Polizei." Reisch sagt zwar, die Beamten seien "sehr nett", aber was er schildert, klingt eher nach Schikane: Führerschein, Funklizenz, Bootspapiere - die Behörden würden alles überprüfen.

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Dabei gäbe es auf dem Schiff nach einer Woche auf hoher See genug zu tun. Reparaturen für 15 000 Euro stünden an, und überhaupt müsse "erst mal wieder aufgeräumt werden". Denn das Schiff der Dresdner Nichtregierungsorganisation Mission Lifeline ist zwar für die Rettung von Flüchtlingen aus Seenot ausgerüstet. Aber es ist eigentlich nur für 50 Passagiere konzipiert. Mitsamt der Besatzung waren in dieser Woche jedoch fast 250 Menschen an Bord. "Gäste" nennt sie Reisch. "Wir haben hier in einer kleineren Apartmentküche 500 Essen am Tag gekocht."

"Wie soll man mit jemandem reden, der sagt, wir transportierten Menschenfleisch?"

Und während Reisch und seine Besatzung versuchten, das Leben an Bord irgendwie zu organisieren, gerieten sie mitten hinein in den erbarmungslosen Streit um die Flüchtlingspolitik in Europa. Italiens Innenminister Matteo Salvini machte Reisch und die Lifeline zum Exempel seiner Abschottungspolitik und verweigerte dem Schiff einen sicheren Hafen; die Besatzung transportiere "Menschenfleisch" und erledige das Geschäft der Schlepper, sagte Salvini von der weit rechts stehenden Partei Lega. Bundesinnenminister Horst Seehofer von der CSU nutzte die Lifeline ebenfalls, um Härte zu zeigen: Er sehe keine Notwendigkeit, dass Deutschland Flüchtlinge von dem Schiff aufnehme. Der Vatikan schaltete sich ein und fordert mehr Solidarität in Europa; die Rettungsmissionen privater Organisationen wie Lifeline sind nun auch Thema auf dem EU-Gipfel in Brüssel.

All das habe er "nur am Rande mitbekommen", sagt Reisch. Auf dem Meer gebe es keinen Handyempfang, ein Gespräch mit dem Satellitentelefon koste vier Euro pro Minute, und die Internetverbindung sei dringend reparaturbedürftig. Zu Italiens Minister Salvini könne er nur sagen: "Wie soll man mit jemandem reden, der sagt, wir transportierten Menschenfleisch?" Er hat Salvini angeboten, ihn auf dem Schiff zu besuchen, dann "kann er sich die Wasserleichen, die im Mittelmeer schwimmen, anschauen". Das Argument, Rettungsmissionen beförderten die Flucht, lässt Reisch nicht gelten: "Den Schleppern ist das Überleben dieser Menschen doch egal. Die schieben die Schlauchboote aufs Meer - und fertig."

Reisch nennt sich selber keinen besonders politischen Menschen. "Ich sehe nur, was passiert." So kam ihm vor zwei Jahren bei einem Törn im Mittelmeer der Gedanke, selber bei einer Rettungsmission anzuheuern. Im April vergangenen Jahres übernahm er dann in Malta sein erstes Schiff. Eigentlich ist Reisch gelernter Automechaniker, er führte eine gut laufende Sanitärfirma im bayerischen Landsberg. Seine erste Ausbildung zum Bootsführer hat er vor 15 Jahren in eher idyllischen Gefilden gemacht: auf dem Starnberger See.

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