Ahed Tamimi Für Israelis eine Hetzerin, für Palästinenser eine Ikone

Die 17-jährige Palästinenserin Ahed Tamimi bem Prozessauftakt.

(Foto: AFP)

Wegen einer Auseinandersetzung mit israelischen Soldaten steht die 17-jährige Ahed Tamimi vor Gericht. Israelische Abgeordnete ließen vor Jahren ihre Familie untersuchen, weil ihnen die Haarfarbe der Palästinenserin verdächtig vorkam.

Von Alexandra Föderl-Schmid, Tel Aviv

Ein Mädchen zieht erhobenen Hauptes in den Kampf gegen Soldaten: Für die Palästinenser ist Ahed Tamimi die Ikone des Widerstandes gegen die israelische Besatzung, für die Israelis ist sie eine Provokateurin und Hetzerin. Die einen solidarisieren sich mit ihr, die anderen attackieren sie. Für die einen ist sie Opfer, für die anderen Täterin.

Seit 19. Dezember sitzt Tamimi in Haft, sie hat ihren 17. Geburtstag im Gefängnis verbracht. Am Dienstag wurde nun vor einem israelischen Militärgericht im Ofer-Gefängnis bei Ramallah der Prozess gegen sie eröffnet. Die Anklageschrift enthält zwölf Punkte, ihr werden unter anderem Angriffe auf Soldaten und der Aufruf zu Anschlägen vorgeworfen. Die Öffentlichkeit wurde gleich zu Beginn des Prozesses ausgeschlossen. Tamimis Fall hat weltweit Aufmerksamkeit erregt. 1,7 Millionen Menschen haben inzwischen eine Online-Petition unterschrieben, in der ihre Freilassung gefordert wird. Inzwischen gibt es auch Poster und T-Shirts mit der Aufschrift: "Freiheit für Ahed!"

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Die Aufnahmen, wie die junge Frau mit Schreien, Flüchen und Schlägen versucht hat, gemeinsam mit ihrer Cousine zwei Soldaten vom Hof ihrer Eltern in Nabi Saleh im Westjordanland zu vertreiben, wurden in den sozialen Medien rasch weiterverbreitet - von beiden Seiten. Die einen sahen darin ein Beispiel dafür, welchen Angriffen israelische Soldaten ausgesetzt sind, die anderen, wie ein Teenager mutig gegen Uniformierte vorgeht. Die Mutter Nariman Tamimi, die mit ihrer Tochter vor Gericht steht, hatte die Bilder auf Facebook gestellt, kurze Zeit später wurde Tamimi mitten in der Nacht in ihrem Elternhaus verhaftet.

Fotos zeigen, wie sie im Grundschulalter einen Soldaten attackierte

Es ist nicht das erste Mal, dass Ahed Tamimi gegen Soldaten vorgeht. Schon 2012 ging ein Bild des Mädchens um die Welt, das einen Soldaten mit geballter Faust bedrohte. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan verlieh ihr damals eine "Auszeichnung für Mut", die in Tamimis Zimmer im Regal neben den Schulbüchern steht. Es gibt auch Aufnahmen, die Tamimi im Grundschulalter zeigen, wie sie einen Soldaten attackiert. Als dieser sie festhält, reagiert sie wie jedes Kind: Sie weint und schreit nach ihrer Mama.

Den Vorwurf, sie instrumentalisierten ihre Tochter, hören ihre Eltern seit Jahren. Das Mädchen mit der blonden Lockenmähne ist telegen, rhetorisch begabt und schaut so gar nicht palästinensisch aus - das meinten jedenfalls Abgeordnete des israelischen Parlaments. Vor zwei Jahren ordnete ein Unterausschuss, angeführt vom jetzigen Vize-Premierminister Michael Oren, eine Untersuchung an, ob es sich bei den Tamimis um eine echte Familie handle, oder ob diese "speziell zu Propagandazwecken zusammengestellt" worden sei. Der Verdacht: Es könnte sich bei Ahed um eine hellhäutige Schauspielerin handeln. Die Erkenntnisse über sie, ihre drei Brüder und die Eltern fielen nicht eindeutig aus, wurden aber geheim gehalten und erst vor drei Wochen durch einen Medienbericht bekannt.

Gut dokumentiert und bekannt sind all die Aktivitäten des Tamimi-Clans gegen die israelische Besatzung. Die Eltern saßen wegen Widerstandes bereits mehrmals im Gefängnis. Vater Bassem Tamimi war während des ersten Palästinenseraufstands Mitglied einer militanten Gruppierung und sieht auch jetzt noch Gewalt als legitimes Mittel des Widerstands an. Eine Tante war an einem Terroranschlag beteiligt, der 15 Menschen das Leben kostete. Ein Onkel wurde von israelischen Soldaten erschossen. Dass ihr 15-jähriger Cousin Mohammed durch Geschosse im Gesicht schwer verletzt wurde, soll der Auslöser für Ahed Tamimis jüngste Angriffe gegen die Soldaten gewesen sein.

Der palästinensische Teenager verkörpert wie niemand zuvor als einzelner Mensch den seit 51 Jahren andauernden Besatzungskonflikt zwischen Palästinensern und Israelis. Das erklärt die Emotionen rund um diesen Fall.

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