Prantls Blick Vor 25 Jahren war Charlottesville in Rostock-Lichtenhagen

Polizisten schirmen in der Nacht zum 27. August 1992 in schwerer Ausrüstung und mit Schilden das geräumte und teilweise abgebrannte Asylbewerberheim in Rostock-Lichtenhagen ab.

(Foto: dpa)

In den USA brechen rassistische Krawalle aus, der Präsident relativiert sie. In Deutschland undenkbar? Als vor 25 Jahren ein Asylbewerberheim brannte, zog die Polizei ab - und die Politik machte schwere Fehler.

Die politische Wochenvorschau von Heribert Prantl

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Es war heiß, es war Ende August, ich hielt eine Woche lang ein Kommentar-Seminar für Journalistik-Studenten an der Universität in Eichstätt - "mit praktischen Übungen". Die Studenten sollten lernen, wie man einen Kommentar schreibt. Wir suchten uns irgendwelche Themen, Spielthemen sozusagen. Auf einmal wurde aus dem spielerischen Üben Ernst: Ungläubig und entsetzt schauten wir auf die Fernsehbilder aus Rostock-Lichtenhagen. Es ist nun 25 Jahre her, dass dort die Sonnenblumen brannten.

Einige hundert rechtsextreme Gewalttäter belagerten drei Tage und fünf Nächte das Sonnenblumenhaus, darin die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber und ein Wohnheim für ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter. Das Sonnenblumenhaus, so genannt wegen der Kunst am Bau, war ein Plattenbau an der Mecklenburger Allee in Rostock-Lichtenhagen; 120 Ausländer wohnten dort. Hunderte von Neonazis jagten sie, sie stürmten deren Balkone, sie warfen Molotowcocktails. Das Fernsehen war da, filmte das alles. Und wir saßen im schönen Städtchen Eichstätt an der Altmühl - und schrieben Übungs-Kommentare zu dem, was wir via Fernsehbilder sahen.

Die Polizei war vor Ort in Rostock-Lichtenhagen, sie griff aber nicht ein, im Gegenteil: Als die Rechtsextremisten das Haus anzündeten, zog die Polizei ab. Das klingt unglaublich, es war aber so. Zurück blieb der grölende Mob, zurück blieben Hunderte von applaudierenden Nachbarn - zurück blieben die schutzlos sich selbst überlassenen Bewohner des Sonnenblumenhauses. Die Staatsmacht schaute weg, sie lieferte 120 Männer, Frauen und Kinder an mordlustige Neonazis aus. Es war ein Wunder, dass es keine Toten gab; die verzweifelten Menschen konnten sich mit knapper Not aufs Dach retten.

In der Kommentarübung damals, an der Eichstätter Universität, verwies einer der Studenten auf den berühmten Satz von Bert Brecht, aus dem Theaterstück "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui", das eine Parabel ist auf die Machtergreifung und den Machtausbau der Nationalsozialisten: "Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch." Wir diskutierten darüber, ob dieser Hinweis, ob dieser Vergleich wirklich angemessen sei. Wir wussten noch nicht, was wir heute wissen: In dieser Zeit des Pogroms von Rostock-Lichtenhagen begannen braune Kameradschaften, sich zu radikalisieren. In dieser Zeit wurden die Mörder vom NSU erwachsen. In dieser Zeit begann das "Klima der Angst", das Rechtsextremisten in Teilen Ostdeutschlands geschaffen haben - ein Lagebericht des Bundeskriminalamts nennt das so.

Rostock-Lichtenhagen: Der Name steht heute für eine Politik des Wegschauens und Wegduckens, er steht für eine Politik, die den Ausländerhass nicht ernst nimmt. Von diesen Augusttagen im Jahr 1992 an wurden tagtäglich, überall in Deutschland, neue Angriffe auf Ausländer gemeldet. Die braune Gewalt war in der Offensive, der Rechtsstaat in der Defensive, die Politik in der Deckung. Die Politiker der Union, der SPD und der FDP eilten in die Beratungszimmer, um das Asylgrundrecht zu ändern. Die Landfriedensbrecher von Rostock hatten quasi die Türen zu den Sitzungssälen von Bundestag und Bundesrat aufgestoßen. Das Asylgrundrecht, garantiert im alten Artikel 16 Absatz 2 Grundgesetz, wurde nun eingeschränkt und so geändert, dass das perverse Dublin-System geschaffen werden konnte, das System also, das den Staaten an den Außengrenzen der EU die Asylverfahren und die Flüchtlinge aufhalste. Deutschland war entlastet - aus den Augen, aus dem Sinn. Das ging so, bis dann, zwanzig Jahre später, dieses Dublin-System unter dem Druck der hohen Flüchtlingszahlen zusammenbrach. Das geltende deutsche Asylrecht aus dem Jahr 1993 trägt die Brandzeichen von Rostock-Lichtenhagen.

Die Tage von Rostock-Lichtenhagen und die Reaktionen der Politik darauf sind lange her - sie könnten, sollten, müssten eine Lehre sein: Die Politik tat damals so, als könne man mit einer aggressiven Rhetorik gegen Flüchtlinge und mit einem zerknüllten Grundgesetzartikel den Rechtsextremisten den Mund stopfen. Es war dies wohl einer der folgenschwersten Irrtümer der politischen Geschichte der Bundesrepublik. Es gibt eine braune Linie, die von Rostock-Lichtenhagen vor 25 Jahren zu den Pegidisten von heute führt.

Soeben, nach dem Neonazi-Aufmarsch von Charlottesville in den USA, haben deutsche Politiker sehr gut gewusst, was der US-Präsident dazu richtigerweise hätte sagen, wie er den Rassismus hätte verurteilen müssen. Vor 25 Jahren war Charlottesville in Mecklenburg-Vorpommern. Damals haben nur sehr wenige deutsche Politiker den Rassismus gegeißelt. Damals hat die Politik hierzulande dem Druck der Straße, den sie selbst miterzeugt hatte, nachgegeben: Die Offensive gegen das Asylrecht wurde als Offensive gegen ausländerfeindliche Gewalt ausgegeben. Das war quasi Trump'sche Politik. Und viele politische Erklärungen von damals waren von den Trump-Interviews von heute nicht so weit weg: die Täter wurden zu Opfern erklärt, die Opfer zu Tätern. Der Innenminister von Schwerin wimmelte alle Vorwürfe ab; eine Gefährdung der vietnamesischen Bürger, sagte er kaltschnäuzig ungerührt, "war nicht gegeben".

Gedenkveranstaltungen in Rostock erinnern in dieser Woche an die rassistischen Ausschreitungen vor 25 Jahren. Angela Merkel ist bei keiner dieser Gedenkveranstaltungen angekündigt. Sie eröffnet stattdessen die Computer- und Videospielmesse Gamescom in Köln.

Aber vielleicht hat Angela Merkel ja doch noch Zeit für ein Gedenken und ein Nachdenken in Rostock.

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