Prantls Blick Trump redet die Welt um Kopf und Kragen

US-Präsident Donald Trump.

(Foto: AFP)

Der US-Präsident geriert sich als Kriegstreiber, jedenfalls redet er so daher. Aber wann ist die Masse der hetzenden Wörter so kritisch, dass sie eine atomare Kettenreaktion auslöst?

Die politische Wochenvorschau von Heribert Prantl

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Als ich am Freitag Donald Trumps neueste Drohungen gegen Nordkorea und seine Sätze über die "geladenen und schussbereiten US-Waffen" gehört hatte, zog ich Ludwig Quiddes berühmtes Buch "Caligula" aus meinem Bücherregal. Diese "Studie über römischen Cäsarenwahnsinn" ist 1894 erschienen; sie war das erfolgreichste politische Buch im wilhelminischen Kaiserreich und erlebte 31 Auflagen bis 1926. Quidde, ein deutscher Historiker und Publizist, erhielt 1927 für sein pazifistisches Engagement den Friedensnobelpreis. In seinem Caligula-Buch hatte er zwar vordergründig über den römischen Kaiser und dessen Grausamkeiten geschrieben, dahinter verbarg sich aber, unschwer zu entdecken, der großsprecherisch-theatralische deutsche Kaiser Wilhelm II.

Zu den Elementen des Cäsarenwahnsinns zählte Quidde unter anderem den theatralischen Schein, den Heißhunger nach militärischen Triumphen und eine Neigung zum Verfolgungswahn. Man kommt beim Blättern im "Caligula" schon ins Sinnieren; das Buch fällt einem ja auch nicht ohne Grund ein, wenn es um Trump geht.

Es sind zahllose Geschichten überliefert über die Launen und Extravaganzen des römischen Kaisers Caligula, über seine Spinnereien und Wahnwitzigkeiten. Zu den bekanntesten gehört die Geschichte über sein Lieblingspferd Incinatus: Er wollte angeblich das Pferd zum Konsul befördern und ihm einen ständigen Sitz im Senat verleihen - um auf diese Weise seine Entscheidungsgewalt zu demonstrieren. Ganz so weit ist es beim US-Präsidenten Donald Trump noch nicht.

Caligula soll allerdings, so berichtet der römische Schriftsteller Sueton, immerhin in den ersten sechs Monaten ordentlich regiert haben. Das kann man von Trump nicht sagen. Schon in seinen ersten Regierungstagen finden sich groteske Begebenheiten, die einen an Caligulas späte Verrücktheiten denken lassen. Caligula ließ, so wird berichtet, an den Stränden des Ärmelkanals Seemuscheln sammeln, die - als exotische Beutestücke - beim römischen Publikum einen Erfolg des in Wahrheit erfolglosen Britannienfeldzugs suggerieren sollten. Und Caligula ließ angeblich gallische Gladiatoren anwerben, die mit rot gefärbten Haaren den Römern im Triumphzug als germanische Kriegsgefangene vorgeführt wurden. So viel zur Produktion von Fake News im römischen Altertum.

Wenn so etwas in der Gegenwart geschieht, ist das nicht saukomisch, sondern saugefährlich. Über die alten wie die neuen Lügereien könnte man feixen, wenn sich der Cäsarenwahnsinn auf derlei Angebereien beschränkt hätte und beschränken würde. Das war damals nicht so, das ist auch leider heute nicht so. Der US-Präsident geriert sich als Kriegstreiber, jedenfalls redet er so daher. Er redet so provozierend und so ungeschlacht, wie es so noch kein US-Präsident getan hat; er redet die Welt um Kopf und Kragen. Ist das Wahnsinn, ist das Methode? Wann ist die Masse der hetzenden Wörter so kritisch, dass sie eine atomare Kettenreaktion auslöst? Das ist die Angst, die einen in diesen Tagen und Wochen begleitet.

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Der deutsche Wahlkampf beziehungsweise Nichtwahlkampf, der jetzt angeblich in seine heiße Phase tritt, weil nun Kundgebungen, Plakataktionen und Briefwahl beginnen - dieser Wahlnichtkampf erscheint einem da als die reine Idylle. Man denkt, bei aller Kritik, gern an den deutschen Wahlkampf und schreibt über ihn, um sich von den Trump-Nachrichten zu erholen. Beim Lesen in Ludwig Quiddes Schrift über den Cäsarenwahn kam mir der wirklich beängstigende Gedanke, dass Trump es womöglich unglaublich geil fände, als erster Nachkriegspräsident eine Atombombe abzufeuern - und dass seine ganze Hetze darauf ausgerichtet ist.

Caligulas Nachfolger Claudius ließ übrigens im Senat sämtliche Regierungsmaßnahmen seines Vorgängers für ungültig erklären, alle Schriften über dessen Regierung vernichten, dessen Statuen zerstören und Münzen mit dem Bildnis von Caligula aus dem Verkehr ziehen. So sah damals die damnatio memoriae aus, die Verdammung des Angedenkens. Wie wird man in ein paar Jahren mit dem Angedenken an Trump umgehen? Wie sieht die damnatio memoriae im 21. Jahrhundert aus? Schön wäre es, wenn Trump nur als Lachnummer und Flegel in Erinnerung bliebe. Es ist zu fürchten, dass es dabei nicht sein Bewenden haben wird. Es ist zu befürchten, dass die kommende Woche neue Belege dafür liefert.

Die Militarisierung der Entwicklungshilfe

Man möchte den "Internationalen Tag der humanitären Hilfe", der am kommenden Samstag begangen wird, eigentlich gern in einer Weltlage begehen, die nicht so bedrängend, nicht so bedrückend, nicht so beängstigend ist. Dieser Welttag verdient mehr Aufmerksamkeit als er bisher bekommen hat. Gewiss, jeder zweite Tag ist irgendein Gedenktag für irgendwas. Dieser Tag ist nicht für irgendwas: Am 19. August wird eines diabolischen Ereignisses im Irak gedacht. Am 19. August 2003 starben, bei einem Autobombenanschlag auf das UN-Hauptquartier in Bagdad, der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, der Brasilianer Sergio Vieira de Mello, und 21 seiner Kollegen. Der Gedenktag würdigt daher die Arbeit der humanitären Helfer, die während ihres Einsatzes oft ihr Leben riskieren. Es wäre gut, wenn man viel weniger von trumpscher Kriegsvorbereitung und viel mehr von ziviler Vorbeugung und Friedensförderung, von Stabilität und Frieden reden und schreiben und senden könnte.

In der EU gibt es ein eigenes "Instrument für Stabilität und Frieden", ein Budget für zivile Vorbeugung und Friedenssicherung, abgekürzt IcSP (Instrument contributing to Stability and Peace. Haushaltsmittel von immerhin fast 2,5 Milliarden Euro sind im Zeitraum von 2014 bis 2020 für die Friedensarbeit und humanitäre Hilfe vorgesehen. Das ist eigentlich wunderbar. Zum Internationalen Tag der humanitären Hilfe gilt es aber, in diesem Zusammenhang eine Unverschämtheit nicht einfach nur zu beklagen, sondern anzuklagen: Die EU-Kommission will die Gelder zweckentfremden; sie will die Gelder, die für Friedensförderung vorgesehen sind, umwidmen - damit sollen künftig auch sogenannte Maßnahmen der "Ertüchtigung" finanziert werden.

Das heißt: mit dem EU-Friedensgeld sollen künftig Armeen in Drittstaaten ausgerüstet und ausgebildet werden. So will das die EU-Kommission. Der Entwicklungs- und der Außenausschuss des Europäischen Parlaments haben dafür - für die Nutzung von Entwicklungsgeldern für militärische Zwecke! - schon grünes Licht gegeben, mit den Stimmen der Europäischen Volkspartei (darin CDU und CSU) und den Stimmen der Sozialdemokraten. Die Bundesregierung hat das alles mit vorangetrieben. Sie hat nämlich auch schon einen nationalen Haushaltstitel für die "Ertüchtigung" von Partnerarmeen eingerichtet und möchte diese "Ertüchtigung" gern, wie dies "Brot für die Welt" als "Affront für die Friedenspolitik" heftig kritisiert, auch aus den EU-Mitteln finanziert sehen.

Wie soll man es nennen, wenn zivile Töpfe des EU-Haushalts für militärische Zwecke verwendet werden? Etikettenschwindel! Betrug! Die Militarisierung der Entwicklungshilfe und der Friedensarbeit ist vor allem ein furchtbarer Fehler. Das Europäische Parlament hat noch Gelegenheit, diesen Fehler zu korrigieren: die finale Abstimmung darüber ist in der zweiten Septemberwoche im Plenum.

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