Postkolonialismus Der Neoliberalismus und seine "Neger"

Der kamerunische Schriftsteller Achille Mbembe in der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Für sein Buch "Kritik der schwarzen Vernunft" wurde er mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet.

(Foto: dpa)

Rassismus und der globale Kapitalismus hängen eng zusammen, erklärt Achille Mbembe in seiner Dankesrede zur Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises.

Von Achille Mbembe

Der funktionierende Einsatz von Kapital fußt seit jeher, von seinen Ursprüngen an, auf der Unterscheidung von Rassen. Im Grunde diente Kapital schon immer nicht nur der Herstellung von Waren, der Erleichterung des Handels und der Anhäufung von Gewinnen, sondern auch der Produktion von Rassen, der Definition menschlicher Arten und Unterarten; kurzum: der Ausübung eines Monopols über die Produktion von Leben als solchem.

Der Kapitalismus zielte stets darauf ab, den Menschen zum austauschbaren Gut zu machen sowie die Grenzen zwischen der Welt der Menschen und der Welt der Dinge auszuradieren. Dies gilt für den atlantischen Sklavenhandel vom 16. bis 19. Jahrhundert. Der "Prozess der Zivilisation" hat diese Entwicklung mehr schlecht als recht abgeschwächt und gewisse fundamentale Grenzen zwischen Menschen und Dingen aufrechterhalten, ohne die die Menschheit schlichtweg nicht existieren würde.

Im Zeitalter des Neoliberalismus aber brechen diese Dämme einer nach dem anderen, während die Verschmelzung von Kapitalismus und Animismus voranschreitet. Das heißt: Es ist nicht mehr sicher, dass ein Subjekt kein Objekt ist. Es ist nicht mehr sicher, dass nicht alles arithmetisch berechnet, verkauft und gekauft werden kann. Es ist nicht mehr sicher, dass es Werte gibt, die keinen Preis haben.

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Darüber hinaus - so meine These - werden die systemischen Risiken und Gefahren, denen einst ausschließlich die schwarzen Sklaven ausgesetzt waren, künftig wenn nicht die Norm, so doch das Schicksal aller untergeordneten Menschengruppen sein, und zwar unabhängig von Lebensraum, Hautfarbe oder Regierungssystem. Was sich bemerkbar macht, das ist eine tendenzielle Universalisierung der conditio nigra, also der Lebensform des "Negers". Sie ist womöglich einer der prägendsten Faktoren unserer Zeit.

Diese Universalisierung der conditio nigra geht einher mit der Entstehung bislang unbekannter imperialer Praktiken, einer Rebalkanisierung der Welt und einer zunehmenden Einteilung in Zonen. Damit werden im Grunde neue menschliche Unterarten geschaffen, die dem Vergessen, der Gleichgültigkeit, wenn nicht gar der Vernichtung geweiht sind. Gleichzeitig werden Prozessoren sowie biologische und künstliche Organismen zum natürlichen Milieu der Wirtschaft. In dieser Welt verschmilzt menschliche Denkarbeit mit automatischen Berechnungen, ermöglichen Instrumente Eingriffe in immer kleineren, feineren Dimensionen.

Unter diesen Bedingungen besteht Rassismus nicht mehr unbedingt in der sozialen Unterwerfung oder in der Schaffung eines Ausbeutungsobjekts, das dem Willen seines Herren gänzlich ausgeliefert ist und aus dem maximaler Nutzen gezogen werden soll. Der Neger von heute ist nicht mehr nur ein Mensch mit afrikanischen Wurzeln, dessen äußere Erscheinung durch die glühende Sonne, die Farbe seiner Haut geprägt ist. Der Neger von heute ist eine subalterne Kategorie der Menschheit, ein überflüssiger, fast im Übermaß vorhandener Teil, der für das Kapital kaum einen Nutzen darstellt und einem Randgruppendasein und dem Ausschluss aus der Gesellschaft geweiht ist.