Pakistanisches Mädchen verhaftet Lebensgefährlicher Verdacht

"Bei lebendigem Leib verbrennen" wollte die aufgebrachte Menschenmenge das Mädchen. Nun sitzt eine Minderjährige in Pakistan nach Blasphemie-Vorwürfen in Haft - zu ihrem eigenen Schutz, wie es heißt. Es zeichnet sich jedoch eine überraschende Wende in dem Fall ab.

Von Tobias Matern, Dehli

Sie bleibt in Haft. Obwohl die Beweislage gegen die minderjährige Rimsha nach Angaben ihres Anwalts fragwürdig ist. Ein Gericht in Islamabad verschob eine Anhörung zu ihrem Fall am Montag auf das Ende dieser Woche. Der Grund war ein nicht mit der Angelegenheit zusammenhängender Streik von Anwälten, die das Gerichtsgebäude blockierten. Das Schicksal des Mädchens aus einer christlichen Familie wirft erneut ein Schlaglicht auf das Thema Blasphemie in Pakistan - sowohl die juristische Auslegung des harschen Gesetzes als auch den gesellschaftlichen Umgang mit dem polarisierenden Thema.

Pakistanische Christen protestieren gegen den Imam, der die Proteste gegen das Mädchen geschürt haben soll.

(Foto: dpa)

Vor mehr als zwei Wochen war Rimsha, deren Familie bis zum Ausbruch der Gewalt in einem Armenviertel am Rande der Hauptstadt Islamabad lebte, von der Polizei festgenommen und ins Gefängnis gesteckt worden. Die Sicherheitskräfte erklärten, das Mädchen so schützen zu wollen. Eine Menschenmenge habe Rimsha nach dem Leben getrachtet, nachdem ein Imam ihr angebliches Fehlverhalten in der Moschee thematisiert hatte. Sie soll, so der ursprüngliche Vorwurf, verbrannte Seiten aus einem Textbuch, das Kindern den Koran erklärt, bei sich getragen habe. Allein der Verdacht, Gotteslästerung begangen zu haben, kann in Pakistan lebensgefährlich sein. Wenig bringt die Menschen mehr in Rage als das Gefühl, mit dem Islam werde nicht respektvoll umgegangen. Gerüchte und falsche Anschuldigungen können eine verheerende Dynamik entwickeln.

Allerdings hat der Fall am Wochenende eine Wendung genommen. Die Polizei verhaftete ausgerechnet den Vorbeter (Imam), der die Proteste gegen das Mädchen und seine Familie geschürt haben soll. Ein Gebetsrufer (Muezzin) hatte seinen Vorgesetzten angezeigt, weil er dem Mädchen zwei verbrannte Seiten aus dem Koran untergeschoben haben soll, um die Beweislage gegen es noch zu verschärfen. Es sei nun eindeutig, wer in diesem Fall schuldig sei und wer nicht, sagte Rimshas Anwalt, Tahir Naveed Chaudhry, der Süddeutschen Zeitung am Montag. Er betrachte es als seine ganz persönliche Mission, in diesem Fall für Gerechtigkeit zu kämpfen. Gerade Minderheiten in Pakistan bräuchten einen besonderen Schutz.

Nicht nur international, auch in der pakistanischen Presse schlägt Rimshas Schicksal hohe Wellen. Die liberalen Zeitungen fordern eine Freilassung des Mädchens. Der Raum für gesellschaftliche Debatten bei einem solch heiklen Thema ist geschrumpft, die pakistanischen Medien kämpfen dennoch auch um verlorenes Terrain. Es sei keine überraschende Erkenntnis, dass bei Blasphemiefällen oft mit falschen Zeugenaussagen und Beweisen hantiert werde, kommentiert etwa die Zeitung Dawn. Überraschend sei indes der mutige und lobenswerte Schritt des Muezzins, den Imam anzuzeigen - in einer Gesellschaft, in der es beim Thema Blasphemie deutlich häufiger vorkomme, "aus Angst heraus lieber nichts zu sagen". Vielleicht könne nun wieder eine Debatte über den Missbrauch religiöser Gesetze geführt werden.