Opposition in Russland Das Ende der Oligarchen

Die elitäre, russische Milliardärszunft konnte sich einst mühelos gegen den schwachen Staat positionieren. Nach dem Tod von Boris Beresowskij scheint das Ende dieser Gruppierung besiegelt, stellvertretend für die wiedererlangte Stärke des Landes. Doch im Machtkampf gegen Putin ist längst ein anderes Korrektiv tatkräftig zu Gange.

Ein Kommentar von Frank Nienhuysen

In diesem Brief steckt für Russland die ganze Symbolik. Der Triumph, nachzulesen in einigen handgeschriebenen Zeilen, die über einen geheimnisvollen Mittelsmann den verschlungenen Weg in das Zentrum der Macht gefunden haben sollen - in den Kreml. Gezeigt wurde das Schriftstück der Öffentlichkeit bisher nicht, aber wenn es denn echt ist, wurde es von einem geschlagenen Boris Abramowitsch Beresowskij verfasst, jenem Großgegner der russischen Führung, der nun in seinem britischen Exil gestorben ist.

Beresowskij bittet in diesem Schreiben angeblich reumütig um Verzeihung für seine Fehler, zollt sogar Respekt vor Präsident Wladimir Putin, zeigt Sehnsucht nach einer Rückkehr in die Heimat. Diesen ominösen Brief nutzt das Putin-Lager nun als eine Art Beweis für den Sieg im jahrelangen Kampf gegen seine Erzfeinde.

Mit dem Tod des Oligarchen endet eine Epoche, welche die meisten Russen eher als finstere Zeit empfinden. Es waren die Neunzigerjahre, die wilde Phase einer ananarchisch sich gebärdenden Wirtschaft. Hungrige Unternehmer schlugen sich um die Filetstücke der maroden Staatsindustrie. Sie wurden schnell zu Milliardären, die Bevölkerung indes verarmte. Beresowskij verkörperte diese Zeit ganz besonders. Lange ist das her. Es war der heutige Präsident Putin, der einst als Nachfolger von Boris Jelzin die Macht der Oligarchen brechen wollte. Und seine Politik wirkt bis in die Gegenwart.

Immer wieder verweist Putin auf die vergangene Oligarchen-Dekade, um daran die Bilanz seiner Amtszeiten aufzurechnen. Wie könnte er besser die Richtigkeit seiner Linie belegen als durch einen Entschuldigungsbrief? Sein größter Widersacher, Beresowskij, jene von Geldsorgen geplagte ehemalige graue Eminenz im Kreml, sendet vor dem plötzlichen Tod ein Zeichen der Läuterung.

Wie groß die Macht der elitären Milliardärszunft aus einst sieben Oligarchen war, zeigt sich in dem Begriff G 7. Der galt eigentlich einmal den sieben führenden Wirtschaftsnationen. In Russland symbolisieren die G 7 die Schwäche des Staates - und umgekehrt könnte das Ende dieser Gruppierung nun für die wiedererlangte Stärke des Staates stehen. Michail Chodorkowskij sitzt seit zehn Jahren im Gefängnis, der fortgejagte Wladimir Gussinskij lebt geräuschlos im fernen Exil, Boris Beresowskij ist tot. Die übrigen haben sich zähmen lassen, kümmern sich allein um Bilanzen und Gewinnmaximierung. Politische Gefahr droht Putin von ihnen nicht.

Und doch war Beresowskij Russland in all den Jahren im britischen Exil immer wieder auch nützlich gewesen. Er taugte als Figur, auf die sich mühelos all das Böse projizieren ließ, wenn die Gelegenheit sich ergab. Beresowskij setzte von außen Keime des Umsturzes, indem er die Opposition unterstützte. Er galt in Russland als Symbolfigur hemmungsloser Wirtschaftsplünderei. Und immer wieder wurde er als möglicher Auftraggeber für die Ermordung der kritischen Journalistin Anna Politkowskaja genannt, obgleich deren Angehörige dies ebenso oft bezweifelten.

So sehr Beresowskij aus London auch gegen den Kreml züngelte, so scharf Chodorkowskij aus der Haft immer noch kritisiert - an die Stelle der Oligarchen sind im Machtkampf gegen Putin längst andere getreten. Sie lassen sich weniger vom Geld leiten, aber ihre kritischen Instrumente sind nicht weniger wirkungsvoll.

Es sind die Blogger, die im Netz regieren, Korruptionsfälle und Wohnungen von Abgeordneten in Florida aufspüren; es sind Oppositionelle, die Flashmobs organisieren; es sind Zeitungen, die frecher werden. Der zuletzt von Geldsorgen geplagte Beresowskij hat in dieser Neuzeit der Opposition schon keine große Rolle mehr gespielt.