Opfer im NSU-Prozess Als habe man ihnen die Beine weggeschossen

Demonstranten vor dem Oberlandesgericht in München: "Keupstrasse ist überall"

(Foto: dpa)
  • Erstmals haben Opfer des Nagelbombenanschlags in der Kölner Keupstraße als Zeugen ausgesagt. Mehr als zwanzig Menschen wurden damals zum Teil schwer verletzt.
  • Die Tat im Jahr 2004 wird dem rechtsextremen NSU zugeschrieben. Kurz nach dem Anschlag spekulierten die Behörden jedoch über Auseinandersetzungen zwischen Türken und Kurden.
  • Aktivisten werfen den Behörden Versagen vor. Sie hätten aus Opfern Täter machen wollen.
Aus dem Gericht von Tanjev Schultz

Im NSU-Prozess haben erstmals Opfer des Nagelbombenanschlags in der Kölner Keupstraße als Zeugen ausgesagt. Sie schilderten, wie die Explosion am 9. Juni 2004 sie erfasste. Zwei Freunde, Sandro D. und Melih K., hatten sich kurz vor dem Anschlag etwas zu Essen gekauft. Die Bombe ging hoch, als sie gerade in der Keupstraße zurück zu ihrem Auto liefen. Es sei so gewesen, als habe ihm jemand die Beine weggeschossen, sagte der heute 34-Jährige Sandro D. vor Gericht. Die beiden Männer kamen mit schwersten Verletzungen ins Krankenhaus. Ihnen mussten mehrere Nägel aus dem Körper operiert werden.

Der Bombenanschlag wird - neben zehn Morden - dem rechtsextremen NSU zugeschrieben. In Köln kam wie durch ein Wunder niemand ums Leben, aber mehr als zwanzig Menschen wurden zum Teil sehr schwer verletzt. In der Keupstraße wohnen und arbeiten viele Deutschtürken; der NSU zeigte Bilder des Anschlags in seinen 2011 verschickten Bekennervideos und verhöhnte die Opfer.

700 Nägel mit einer Länge von etwa zehn Zentimetern

Die Terroristen hatten den Sprengstoff in einem Hartschalenkoffer auf einem Fahrrad deponiert, das sie vor einem Frisörsalon abstellten. In die Bombe waren mehr als 700 Zimmermannsnägel eingebracht, die wie Geschosse durch die Luft flogen. Jeder Nagel hatte eine Länge von etwa zehn Zentimetern.

Die Bombe wurde mit einer Fernzündung zur Explosion gebracht. Die Ermittler sind davon überzeugt, dass es die NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt waren, die den Anschlag ausgeführt haben. Beate Zschäpe wird Mittäterschaft vorgeworfen.

Der Zeuge Sandro D. berichtete, dass er wegen seiner gesundheitlichen Probleme seine Berufstätigkeit aufgegeben habe. Direkt nach dem Anschlag habe er überhaupt nichts hören können, seine Hörleistung ist auch heute noch beeinträchtigt. Ein Nagel ging bis in den Knochen des rechten Oberschenkels und musste in einer komplizierten Operation entfernt werden.

Behörden ermittelten in andere Richtungen

Sandro D. sagte, anfangs seien er und Melih K. von der Polizei verdächtigt worden, sie könnten etwas mit der Tat zu tun haben. Melih K. hatte, als er im Krankenhaus wieder ansprechbar war, nach der Tat den Ermittlern gesagt, nach seiner Meinung seien Neonazis und "Ausländerhasser" für den Anschlag verantwortlich. Die Behörden ermittelten jedoch intensiv in andere Richtungen, spekulierten über kriminelle Banden oder vermeintliche Auseinandersetzungen zwischen Türken und Kurden.

Trauma, das bis heute nachwirkt

Grausig in seiner Nüchternheit: Beim NSU-Prozess haben Ermittler den Tathergang des Nagelbombenanschlags in der Keupstraße in Köln geschildert. Sachlich und detailliert. Jetzt werden die Betroffenen aussagen, die bis heute unter den psychischen und physischen Schäden leiden. mehr ... Video

Aus Köln reisten Menschen in Bussen nach München, um am Dienstag im und vor dem Oberlandesgericht ihre Solidarität mit den Opfern zu zeigen. Vor dem Gerichtsgebäude fand eine Kundgebung mit Kunstaktionen statt. Eine Rednerin forderte, der Verfassungsschutz "gehört selbst geschreddert". Aktivisten der Gruppierung "Keupstraße ist überall" werfen den Behörden vor, bei den Ermittlungen nach dem Anschlag versagt zu haben. Aus Opfern hätten die Behörden Täter machen wollen.

Mitat Özdemir, Gewerbetreibender in der Keupstraße und Mitgründer der Initiative, sagte, der NSU habe die Keupstraße als florierende Geschäftsstraße und als "ein Zentrum der türkischen Community in Nordrhein-Westfalen" angegriffen. Aber man lasse sich nicht auseinanderbringen: "Wir stehen zusammen."

Opfer leiden unter psychischen und körperlichen Folgen

Im Gericht sagte Sandro D., seitdem der NSU-Prozess vor zwei Jahren begonnen habe, sei er wieder in psychotherapeutischer Behandlung. Er habe Schlafprobleme. Und seine körperlichen Verletzungen würden ihn sicherlich bis ins hohe Alter verfolgen.

Als Sachverständige erläuterten Ärzte Details zu den Verletzungen, auch Fotos wurden gezeigt. Darauf sah man die schweren Verbrennungen von Melih K. Außerdem steckten neun Nägel in seinem Körper. Aus dem Körper von Sandro D. mussten vier Nägel herausoperiert werden.

Die Hauptangeklagte Beate Zschäpe zeigte währenddessen keine äußerlich erkennbaren Regungen. Zunächst schaute sie lange Zeit in ihren Laptop, später klappte sie ihn zu und blickte zu den Zeugen, die ihr Leben lang unter den Folgen des Anschlags leiden werden.

Das Protokoll des zweiten Jahres

Im zweiten Jahr des Münchner NSU-Prozesses ging es vor allem um die Anfänge und die Unterstützer der rechten Terrorgruppe. Unsere Reporter haben alles, was im Gerichtssaal gesagt wurde, auf über 900 Seiten protokolliert. Wir dokumentieren die wichtigsten Zeugenaussagen und Wortwechsel des Prozesses im Wortlaut. mehr... SZ-Magazin