NS-Ideologie SZ-Leser fragen: "Haben Sie Sorge, dass sich die Geschichte gerade wiederholt?"

Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke hat Hitlers "Mein Kampf" analysiert und zieht Parallelen zu heutigen Verschwörungstheorien. Unsere Leser haben ihn befragt.

Was machte Hitlers Buch "Mein Kampf" so wirkmächtig? Warum funktioniert Ideologie gerade dann besonders gut, wenn sie auf Halbwahrheiten basiert? Und wie sollte unsere Gesellschaft heute mit Radikalisierern umgehen? Diese Fragen haben wir dem Konstanzer Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke in unserem Interview gestellt. Koschorke erklärt darin, inwiefern "Mein Kampf" heiligen Schriften wie Bibel und Koran ähnelt, warum er davor warnt, sich angesichts von Propaganda auf Vernunft zu verlassen und welche Parallelen er zum heutigen politischen Diskurs in Deutschland zieht.

Im Anschluss an das Interview haben wir unsere Leser dazu aufgerufen, selbst nachzuhaken und Albrecht Koschorke ihre Fragen zu stellen. Seine Antworten auf ausgewählte Leserfragen lesen Sie hier:

Leserfrage: Sehr geehrter Herr Koschorke, lohnt es Ihrer Meinung nach für einen jungen Europäer im Jahr 2016 die Zeit und die Mühe, "Mein Kampf" zu lesen? Was könnte man dabei lernen?

Sicher gibt es ergiebigere Lektüren. Aber wer wissen will, mit welchen Mitteln Massenpropaganda arbeitet und wie radikale junge Männer vor 100 Jahren getickt haben, kann dem Buch vieles entnehmen. Ich würde Hannah Arendts Studie "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" und Ian Kershaws Hitler-Biographie danebenlegen.

Leserfrage: Glauben Sie, dass von "Mein Kampf" noch immer eine Gefahr für die Demokratie ausgehen kann oder vermögen die Kommentare in der kritischen Ausgabe dies zu verhindern?

Sogar Rechtsradikale werden das Buch heute großenteils antiquiert finden, wenn sie überhaupt einen Blick hineinwerfen. Alle anderen heutigen Leser bekunden, dass sie das Buch ungenießbar finden und sich schwertun, die Wirkung, die das Buch hatte, emotional nachzuvollziehen. Trotzdem ist die wissenschaftliche Edition, die vor einigen Wochen erschienen ist, wichtig und verdienstvoll. Sie macht es zum Beispiel möglich, Auszüge aus "Mein Kampf" im Geschichtsunterricht zu behandeln und das Buch zu entmystifizieren.

Leserfrage: War Hitler frustriert, hasserfüllt, neidisch? Welche Emotion beschreibt Ihrer Meinung nach den Tenor des Buches am ehesten?

Hasserfüllt war er auf jeden Fall. Allerdings ergibt es nur begrenzt Sinn, eine Ideologie aus der Psyche ihrer Begründer abzuleiten. Wenn es stimmt - und alle Forschungsergebnisse deuten darauf hin -, dass Hitler erst als Agent der Reichswehr Antisemit wurde, dann steckt hinter seinen antisemitischen Tiraden vor allem eines: Opportunismus. Der Hass verhalf ihm zu einer politischen Rolle. Und er hat sich dann, sozusagen im zweiten Schritt, einen geeigneten Gegenstand zum Hassen gesucht.

Leserfrage: Mit welchen sprachlichen Mitteln erzeugte Hitler Zustimmung im Dritten Reich? Inwiefern haben beschönigende oder verharmlosende Begriffe in der Sprache der Nationalsozialisten, wie "Schutzhaft" für willkürliche Verhaftungsaktionen oder "Konzentrationslager" für Stätten, in denen Millionen Menschen vernichtet wurden, dazu beigetragen, dass die Menschen die NS-Politik toleriert haben?

Beschönigung ist ein wichtiges Element der NS-Propaganda - vor allem gegenüber Außenstehenden und all denen, die nicht so genau wissen wollten, was vor sich ging. So konnte sich das Regime teilweise einen zivilen Anstrich verleihen. Aber für die Eingeweihten hatten die benutzten Begriffe noch einen anderen Klang: als Verhöhnung der Opfer, Stichwort "Arbeit macht frei". Ich bin überzeugt, dass die Lust, sprachliche Gewalt auszuüben, ein zentrales Motiv bildete - auch und gerade in Hitlers "Mein Kampf".

Leserfrage: Warum befasst sich ein Literaturwissenschaftler mit "Mein Kampf"? Ist das Buch nicht in den Geschichtswissenschaften besser aufgehoben?

Natürlich gibt es für einen Literaturwissenschaftler erfreulichere Beschäftigungen. Aber wenn man sich die enorme Bedeutung von Sprache, Ästhetik und Inszenierung für den Erfolg totalitärer Bewegungen vor Augen hält, muss man diesem Aspekt auch wissenschaftlich Rechnung tragen.

Leserfrage: Haben Sie Sorge, dass sich die deutsche Geschichte der 1930er Jahre gerade wiederholt?

Nein. Die heutige Lage in Deutschland ist weder ökonomisch noch politisch mit den letzten Jahren der Weimarer Republik zu vergleichen. Man muss differenzieren. Nicht jeder, dem der Zustrom von Migranten Sorge bereitet, ist deshalb gleich ein Fremdenfeind, und wer bei Pegida mitdemonstriert, ist deshalb nicht gleich ein Nazi. Wer so redet, betreibt auch Polarisierung.

(Redaktion: Karin Janker)

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