Nobelpreis gegen das Atom-Rüsten Es ist zum Fürchten

Die atomare Bedrohung erscheint wieder real: Nordkoreas Diktator Kim Jong-un beobachtet den Test einer Mittelstreckenrakete.

(Foto: Abedin Taherkenareh/AFP)

Nordkorea, Iran, Trump - die Verleihung des Friedensnobelpreises kommt genau zur rechten Zeit. Und erinnert die Welt daran, dass sie seit 1945 viel Glück gehabt hat.

Kommentar von Georg Mascolo

"Es liegt nichts Böses im Atom, nur in der Seele des Menschen." Dieser Satz stammt vom US-amerikanischen Diplomaten Adlai Stevenson, einem Mann, der dazu beitrug, dass aus der Kuba-Krise 1962 kein nuklearer Weltkrieg wurde.

In diesen Tagen erscheint die atomare Bedrohung wieder real. Nordkorea und die USA bedrohen sich offen mit den gefährlichsten Waffen, die Menschen je ersonnen haben. US-Präsident Donald Trump stellt das Nuklearabkommen mit dem Iran in Frage, eine auch von deutschen Diplomaten erstrittene Meisterleistung, die einen Krieg verhinderte. Amerika und Russland sprechen nicht mehr über Abrüstung, sondern stecken Milliarden in die Modernisierung ihrer Arsenale. Und ein Abkommen zwischen diesen beiden Ländern, das Kurz- und Mittelstrecken-Raketen verbietet - die vor allem im Kriegsfall in Deutschland zum Einsatz gekommen wären - wankt. Großes droht ins Rutschen zu geraten. Es ist zum Fürchten.

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Und deshalb eine gute Zeit, um an die Risiken der nuklearen Rüstung zu erinnern und den Friedensnobelpreis an die Anti-Atomwaffen-Kampagne Ican zu verleihen. Das Komitee versteht sich auf solche Auszeichnungen, die eigentlich Ermahnungen sind. 2005 verlieh sie den Preis an die Internationale Atomenergie-Behörde IAEO und ihren damaligen Chef, Mohammed al-Baradei. 2009 an US-Präsident Barack Obama, der von einer atomwaffenfreien Welt sprach.

Die Forderung von Ican, Atomwaffen zu ächten, ist aus Sicht vieler Staaten (vor allem solcher, die sie selbst besitzen) bestenfalls naiv oder sogar gefährlich. Nicht die Bombe, so sehen sie es, ist das Problem. Sondern nur die Bombe in den falschen Händen. Sie argumentieren, dass die beiden einzigen je eingesetzten Atomwaffen in Hiroshima und Nagasaki 1945 den Krieg an sich verändert hätten. Denn zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit habe die Entdeckung einer neuen Waffe nicht zu immer mehr Toten und immer grösserer Zerstörung geführt. Die Angst vor dem eigenen Untergang begrenze den Konflikt: Die Bombe als heimlicher Friedensstifter.

Nach dieser Logik der gegenseitigen Abschreckung wäre auch das jüngste Mitglied im Club der Atommächte eigentlich kein Problem. Kim Jong-un müsste nur glaubhaft damit gedroht werden, dass die USA sein Land in eine radioaktive Wüste verwandeln, wenn er je auf den Gedanken käme, eine seiner Atomwaffen gegen die USA einzusetzen. In der Trump-Administration scheint man aber anders zu denken. Sein Sicherheitsberater Herbert McMaster erklärte bereits, dass die Abschreckungsdoktrin hier nicht funktioniere - Kim sei schliesslich unberechenbar. Das würden allerdings manche auch von Trump behaupten. Hillary Clinton machte Wahlkampf damit, dass man einem Mann seines Charakters niemals die Verfügungsgewalt über das nukleare Arsenal der USA anvertrauen dürfe.

Der heutige Friedensnobelpreis - und die zeitgleichen Schlagzeilen über die nuklearen Krisen - erinnern die Welt daran, dass sie seit 1945 auch viel Glück gehabt hat. Die gefährlichste aller Waffen wird nicht verschwinden, so sehr man es sich auch wünschen würde. Was es aber mindestens braucht, ist verbale Mäßigung, Augenmaß, Verhandlungen und Diplomatie statt offener Kriegsdrohungen, Abrüstung statt Aufrüstung. Nichts davon ist naiv. Es ist notwendig. Glückwunsch, Ican.

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