Friedensnobelpreis Wer steckt hinter Ican?

Aktivisten von Ican protestieren vor der amerikanischen Botschaft in Berlin gegen den Konflikt zwischen Nordkorea und den USA.

(Foto: dpa)

Der Nobelpreis geht an die Internationale Kampagne zur atomaren Abrüstung. Eine Begegnung mit Chefin Beatrice Fihn.

Von Tobias Matern

Das Gespräch ist eigentlich schon beendet, da sagt Beatrice Fihn noch diesen einen Satz, er scheint ihr sehr wichtig zu sein: "Wir sind keine Naivlinge, die einfach durch die Gegend rennen, Bäume umarmen und fernab der Realität von Frieden träumen."

Vergangenen Freitag in einer schmucklosen Cafeteria in Genf, exakt eine Woche vor der Bekanntgabe des Friedensnobelpreises. Fihn nimmt sich viel Zeit für das Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung, sie redet über ihre Organisation und ihr Bestreben in Dutzenden Staaten auf der ganzen Welt. Und über ihr Ziel, endlich eine Welt ohne Nuklearwaffen auf den Weg zu bringen. Und dann, im Gehen, sagt die Chefin der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (Ican) noch dies: Natürlich werde sie in sieben Tagen auf ihr Handy starren und gespannt auf einen Anruf aus Oslo hoffen.

Tatsächlich hat sich die Hoffnung erfüllt. Die Schwedin Beatrice Fihn hat an diesem Freitag den Anruf bekommen. Denn Ican, ein Zusammenschluss von etwa 450 Organisationen in mehr als 100 Ländern, erhält den Friedensnobelpreis, "für ihre Arbeit, mit der sie die Aufmerksamkeit auf die katastrophalen humanitären Konsequenzen eines jeglichen Einsatzes von Atomwaffen lenkt und für ihre bahnbrechenden Bemühungen, ein vertragliches Verbot solcher Waffen zu erreichen", wie es das norwegische Nobelkomitee mitteilt.

Ican hat in den vergangenen Jahren in mühevoller Kleinarbeit eine globale Kampagne auf die Beine gestellt und immer wieder für einen Deal gekämpft, der zunächst fernab von großer medialer Aufmerksamkeit ausgehandelt worden ist. Bei den Vereinten Nationen haben sich dafür mehr als 120 Staaten zusammengesetzt und über ein Verbot von Atomwaffen gesprochen. Am 20. September gipfelten diese Gespräche am Rande der UN-Generalsversammlung in New York dann in eine feierliche Zeremonie - der Vertrag wurde im Beisein von UN-Generalsekretär António Guterres zur Unterschrift ausgelegt. Sobald ihn 50 Staaten ratifizieren, tritt er in Kraft, dieser Prozess könnte noch bis Ende des Jahres 2018 dauern. Der Deal untersagt den Unterzeichnern den Besitz, Erwerb und die Weiterverbreitung von Atomwaffen.

Und in dieser Radikalität fällt er je nach Betrachtungsweise aus der Zeit - oder er passt perfekt in eben diese Zeit. Die nukleare Bedrohung hat auf globaler Ebene massiv zugenommen. Die Atommächte, allen voran Russland und die USA, haben die Gespräche boykottiert und setzen wieder verstärkt auf nukleare Abschreckung als Mittel ihrer Außenpolitik: Sie modernisieren ihre Arsenale. Der nordkoreanische Diktator Kim Jong-un hat sein Atomwaffenprogramm vorangetrieben und legt sich mit den USA an. Kim hat in Donald Trump einen Gegenspieler der den nuklearen Fehdehandschuh dankbar aufnimmt und Nordkorea mit der Auslöschung droht.

Ican und die Unterzeichnerstaaten wollen zu diesem rhetorischen und realen Rüsten ein Gegengewicht aufbauen. Sie wollen die Logik durchbrechen, dass nur die Atomwaffenstaaten die globale nukleare Ordnung bestimmen. Schließlich, betont Fihn, gehe das Thema alle an, auch Staaten, die nicht im Besitz der Massenvernichtungswaffen seien und die sich enttäuscht zeigen über das Fehlen politischer Visionen.

Tatsächlich folgt Ican nun als Preisträger dem ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama, der bereits 2009 das Ziel ausgerufen hatte, eine Welt ohne Atomwaffen auf den Weg zu bringen, und damit gescheitert war. "Der Vertrag zum Atomwaffenverbot ist jetzt Realität, die sich nicht mehr ausblenden lässt", sagt Ican-Chefin Fihn. Und er führe dazu, dass viele Länder Farbe bekennen müssen - für oder gegen Atomwaffen. So habe sich etwa auch Deutschland als Nato-Mitglied gegen den Verbotsvertrag positioniert, obwohl die Bundesregierung doch ebenfalls das Ziel einer nuklearwaffenfreien Welt propagiere. Natürlich sei ihr bewusst, sagt Fihn, dass es noch einige Zeit dauern werde "bis jeder Staat in der Welt den Vertrag auch unterzeichnet". Nun sei der Rechtfertigungsdruck für diejenigen gestiegen, die an Atomwaffen festhalten.

"Die Arbeit fängt jetzt erst richtig an"

Fihn verweist auf andere internationale Normen, etwa die Verbote von Streumunition oder Chemiewaffen. In beiden Fällen habe es jahrelang gedauert, bis sie sich in der Praxis durchgesetzt hätten. Staaten oder Akteure, die diese Waffen nun einsetzten, stehen "am Pranger", sagt Fihn. Und genau diesen Effekt erhofft sich Ican auch von dem Atomwaffenverbot. "Der Deal ist zum jetzigen Zeitpunkt noch ein normatives Instrument, er drückt das Bestreben nach einer besseren Welt aus", betont Fihn. Aber sie hoffe, dass sich mehr und mehr Staaten dem Verbot anschlössen.

Ican hat die Verhandlungen für das Atomwaffenverbot begleitet, nun gibt es den entsprechenden Vertrag. Ist die Arbeit der Organisation damit nun beendet? Fihn verneint das vehement. "Sofort nachdem der Vertrag zur Unterzeichnung auslag, habe ich gemerkt: Die Arbeit fängt jetzt erst richtig an." Sie meint die Arbeit für eine Welt ohne Atomwaffen, die noch längst nicht Realität ist. Daran ändert auch der Friedensnobelpreis nichts.

Friedensnobelpreis für Internationale Kampagne zur atomaren Abrüstung

Die internationale Organisation unter der Generalsekretärin Beatrice Fihn erhalte die Auszeichnung für "ihre Arbeit, Aufmerksamkeit auf die katastrophalen humanitären Konsequenzen von Atomwaffen zu lenken", begründet das Nobelkomitee seine Entscheidung in Oslo. mehr...