Müntefering, Solms, Wieczorek-Zeul und Co. Forellenbach statt Bundestag

Im Volk werden die Alten immer mehr, in der Volksvertretung immer weniger: 14 der 20 ältesten Abgeordneten verlassen das Parlament. Finanzminister Schäuble beklagt einen Trend "hin zu Verjüngung" - tatsächlich bleibt außer ihm kaum ein Ü70-Politiker aktiv.

Von Robert Roßmann, Berlin

Am Dienstag beginnt der Exodus der Alten. Um neun Uhr dürfen Franz Müntefering, Hermann Otto Solms, Heidemarie Wieczorek-Zeul und Luc Jochimsen zum letzten Mal in den Plenarsaal des Bundestags. Auf der Tagesordnung steht eine Debatte über die Lage in Deutschland. Auch die Kanzlerin wird reden. Um 12.30 Uhr soll alles vorbei sein, dann wird Norbert Lammert die letzte Sitzung vor der Wahl beenden - und das politische Leben der alten Haudegen Geschichte sein.

Über den Abschied der ehemaligen Parteichefs, Fraktionsvorsitzenden, Ministerinnen und Präsidentschaftskandidatinnen ist viel geschrieben worden. An diesem 3. September verabschieden sich aber nicht nur einzelne Politiker, es verschwindet auch eine ganze Generation. Von den 20 ältesten Abgeordneten werden mindestens 14 dem nächsten Bundestag nicht mehr angehören.

Für viele ist das der Gang der Zeit: Das Parlament werde halt jünger, das sei doch überfällig. Die Fraktionen messen ihre Modernität gerne am Anteil der Frauen, Migranten und Jungen in ihren Reihen. Nun mag das - was Frauen und Migranten angeht - auch gerechtfertigt sein. Der Anteil weiblicher Abgeordneter ist viel zu niedrig. Und Parlamentarier mit Migrationshintergrund sind noch seltener als Siege von Eintracht Braunschweig: In der riesigen Unionsfraktion gibt es - abgesehen von einer in Deutschland geborenen Halb-Iranerin - keinen einzigen Abgeordneten mit ausländischen Wurzeln. Aber kann man auch sagen, dass Fraktionen mit weniger Alten besser sind?

Es braucht "erfahrene Seeleute"

In der Politik gebe es einen Trend "hin zu Verjüngung", klagt Wolfgang Schäuble. Um ein Schiff auf Kurs zu halten, brauche es aber "auch erfahrene Seeleute - vor allem, wenn die See stürmisch wird". Er würde es deshalb nicht gut finden, wenn im Bundestag keine 70-Jährigen mehr säßen.

Nun ist der Finanzminister in der Debatte um die Alten natürlich Partei, er ist selbst 70 und hält sich gern für unverzichtbar. Ein Blick in die Statistik macht dann aber doch nachdenklich. Im nächsten Bundestag werden weit über 600 Abgeordnete sitzen. Unter ihnen werden aber vermutlich nur noch sechs sein, die 70 Jahre und älter sind.

Ist ein Parlament repräsentativ, wenn die Alten nur ein Prozent der Abgeordneten stellen, obwohl sie 15 Prozent der Bevölkerung ausmachen? Helmut Schmidt, Heiner Geißler, Egon Bahr, Gerhard Baum und Erhard Eppler touren durch die Talkshows der Republik. Ihre Ratschläge, Erfahrungen und Nörgeleien sind offenbar gefragt. Aber im Parlament sitzt schon lang keiner mehr von ihnen. Und jetzt gehen auch noch Müntefering, Solms & Co.

"Ich würde mich freuen, wenn diese großen alten Männer auch noch mitten in der Verantwortung wären", sagt Heinz Riesenhuber. Schließlich sei der Bundestag der Platz der Entscheidungen - und nicht das Fernsehen. Riesenhuber war unter Helmut Kohl Forschungsminister, er hat die Fliege in der Politik etabliert, inzwischen ist mit 77 Jahren Alterspräsident des Bundestags.

"Jugendkult" in der Gesellschaft

Aber warum sitzen die Alten dann nicht mehr im Parlament? Das habe vor allem zwei Gründe, sagt Riesenhuber: "Viele wollen die hektische Arbeit und den ständigen Entscheidungsdruck hinter sich lassen und setzen sich lieber an den Forellenbach und angeln." Außerdem gebe es aber "in jedem Wahlkreis immer auch tüchtige jüngere Damen und Herren, die sich sehr gut vorstellen können, selbst Abgeordneter zu werden".

Und wegen des "Jugendkults" in der Gesellschaft setzten sich halt oft die Jüngeren durch. "Eine Kultur, die die Erfahrung der Älteren selbstverständlich mit einbezieht, die gibt es hier nur im Ansatz", findet der Christdemokrat. In Japan und den USA herrsche eine andere Kultur, da gebe es keine abrupte 65-Jahre-Grenze. Robert Byrd saß noch mit 92 im US-Senat, Strom Thurmond sogar mit 100.

Sollte es also auch in Deutschland wieder mehr ältere Kandidaten geben? "Das ist eine Frage, die sich die Parteien stellen müssen", sagt Riesenhuber. Es sei "nicht gut für unser Land", wenn "die Ausgewogenheit der Generationen" leide.

Damit ist der CDU-Politiker in seltener Eintracht mit Luc Jochimsen. Die Frau war Chefredakteurin beim Hessischen Rundfunk. Seit 2005 sitzt sie für die Linke im Bundestag. 2010 kandidierte sie bei der Wahl des Bundespräsidenten gegen Christian Wulff und Joachim Gauck. Heute ist Jochimsen zweitälteste Abgeordnete des Bundestags. Anders als Riesenhuber tritt sie nicht noch einmal an.

"In den fünfziger Jahren war die Gesellschaft jünger als heute", sagt Jochimsen. Regiert habe aber Konrad Adenauer. Inzwischen sei die Bevölkerung viel älter, trotzdem würden alle fordern: "Jetzt muss mal Schluss sein, mit den Alten." Absurd sei das. Wie wichtig lebenserfahrene Abgeordnete seien, beweise doch etwa Hans-Christian Ströbele. 74 Jahre sei der nun alt, seine Arbeit aber noch immer unverzichtbar für die Geheimdienstkontrolle und manchen Untersuchungsausschuss.

Ströbele ist einer der sechs Alten, die voraussichtlich auch im nächsten Bundestag sitzen werden - genauso wie Erika Steinbach. Die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen hat gerade ihren 70. Geburtstag gefeiert. "Dass das Präsentieren von jungen Gesichtern allein gar nichts bringt, haben wir ja in Baden-Württemberg leidvoll erleben müssen", sagt die CDU-Politikerin. Da habe sich mit dem Grünen Winfried Kretschmann "der älteste Kandidat durchgesetzt, die Menschen haben offenkundig Vertrauen zu ihm gehabt".

Dieses Vertrauen in die Lebenserfahrung der Alten dürfe man nicht unterschätzen, sagt Steinbach. Es wäre deshalb gut, wenn sie im Bundestag stärker vertreten wären. Dazu müssten dann aber auch die älteren Abgeordneten ihren Beitrag leisten. Mancher mache "es sich lieber gemütlicher und verzichte auf das Mandat", statt nochmal gegen Jüngere anzutreten.

Steinbach ist stolz darauf, es anders gehalten zu haben. Sie hat sich in ihrem Wahlkreis in eine Kampfkandidatur gegen zwei deutlich jüngere Männer gestürzt - und gewonnen. Einfach sei das nicht gewesen, sagt Steinbach. Schließlich sei das Lebensalter für Frauen ein noch größeres Handicap als für Männer: "Warum muss die Alte das noch mal machen? Bei Männern kommen solche Sätze eher nicht."

Wichtiger als das reine Alter sei aber die konkrete Lebenserfahrung, findet Jochimsen. Niederlagen eingesteckt zu haben, wieder aufgestanden zu sein, das fehle jüngeren Abgeordneten. Viele kämen direkt von der Universität ins Parlament, die hätten sich kaum "im realen Leben geschlagen". Es gebe aber "halt auch so etwas wie Weisheit - eine Summe aus Erfahrungen, die man in Entscheidungen einbringt". In der Politik sei der Wert dieser Weisheit aber leider aus der Mode gekommen.