Mittelmeer Libyens Küstenwache gefährdet Flüchtlinge und Helfer

Ein Schiff der libyschen Küstenwache unterstützt eine Rettungsaktion der MOAS. Andere Hilfsorganisationen berichten von Zusammenstößen mit den Libyern.

(Foto: AFP)

Bewaffnete Grenzschützer gehen auf dem Mittelmeer zum Teil aggressiv gegen Flüchtlingsboote und Rettungsschiffe vor - zuletzt mit tödlichen Folgen. Trotzdem will die Bundesregierung die Libyer unterstützen.

Von Kristiana Ludwig, Malta

Als das Schiff seine Lichter löschte und davonfuhr, brach auf dem Schlauchboot Panik aus. Die Männer in Uniformen, die nun in die schwarze Nacht verschwanden, hatten die Bootsinsassen geschlagen. Jetzt war einer der Schläuche beschädigt, Wasser sammelte sich zwischen den Füßen der Menschen. Um 3.25 Uhr morgens, so schildert es der Kapitän des nahen Rettungsschiffs Sea Watch 2 in seinem Logbuch, seien die ersten Menschen ins Meer gefallen oder hineingesprungen. "The boat is clearly sinking", notierte er um diese Uhrzeit.

Bis zu 30 Menschen seien in jener Nacht ertrunken, sagte ein Sea-Watch-Sprecher später. Die Organisation hat mittlerweile bei der Staatsanwaltschaft Hamburg Strafanzeige erstattet - wegen "Angriffs auf den Seeverkehr". Die Uniformierten hätten ihren Rettungseinsatz massiv behindert.

Der Vorfall vor der Küste Libyens am 21. Oktober, den die deutsche Hilfsorganisation einen "Überfall der libyschen Küstenwache" nannte, ist der bisherige Höhepunkt eines Konflikts zwischen europäischen Rettungsschiffen und bewaffneten Booten aus Libyen, die in diesem Jahr immer häufiger aneinandergeraten.

Unterwegs auf der tödlichsten Fluchtroute der Welt

Nirgendwo sterben so viele Flüchtlinge wie vor der Küste Libyens, nirgendwo sind sie so auf Hilfsorganisationen wie "Jugend Rettet" angewiesen. Ein Boot mit 140 Flüchtlingen erreichen die Helfer in letzter Sekunde. Eine Reportage in Virtual Reality. mehr ... Virtual Reality

Zivile Seenotretter aus Europa wurden mit Waffen bedroht, eines ihrer Schiffe beschossen, ein anderes beschlagnahmt. Zwei deutsche Besatzungsmitglieder saßen im September in libyscher Untersuchungshaft. Die Botschaft in Tripolis und die Deutsche Marine holten sie schließlich zurück.

Das Klima für Hilfsorganisationen auf dem Mittelmeer hat sich verändert. Doch wer für das, was zwischen Libyen und Italien passiert, verantwortlich ist, darauf findet die Bundesregierung bislang keine Antwort.

Immer mehr private Hilfsschiffe vor Libyen

Seit zwei Jahren kreuzen immer mehr private Hilfsschiffe vor Libyen. Sie wollen die Menschen, die dort ein Schlauchboot besteigen, um nach Italien überzusetzen, vor dem Ertrinken retten und sind von den Schleppern längst einkalkuliert. Deutsche Vereine wie Jugend rettet, SOS Mediterranee oder Sea Watch starten mit ihren Schiffen aus Malta, genauso wie die spanische Rettungstruppe Proactiva Open Arms, die Privatinitiative Migrant Offshore Aid Station (Moas) oder Ärzte ohne Grenzen.

Die Suche nach Flüchtlingen auf dem Mittelmeer hat sich professionalisiert. Freiwillige Helfer und angestellte Rettungsschwimmer stimmen ihre Einsätze miteinander ab und arbeiten auf See zusammen. Koordiniert werden ihre Einsätze von der Seenotrettungsleitstelle in Rom, die die Schiffscrews sowohl mit der Nothilfe als auch mit dem Transport geretteter Migranten nach Italien beauftragt.

In Libyen ist die Situation dagegen unübersichtlich. Das Land ist gespalten, mehrere Regierungen konkurrieren um die Herrschaft im Land. Während Tausende Flüchtlinge aus Afrika und anderen Kontinenten von hier aus nach Europa übersetzen wollen, kontrollieren unterschiedliche politische Gruppen die See-, Luft und Landgrenzen. Die libysche Einheitsregierung in Tripolis, mit der die Europäische Union verhandelt, sicherte im Sommer lediglich Teile der Seegrenzen im Raum Tripolis. Entlang der übrigen Grenzstädte übernahmen Milizen anderer politischer Gruppen die Küstenwacht.

Ein NGO-Mitarbeiter hilft einem Kleinkind auf ein Rettungsboot. Künftig sollen Helfer nur noch bei offensichtlicher Lebensgefahr eingreifen dürfen.

(Foto: Andreas Solaro/AFP)

Trotz dieser diffusen Lage hat die EU Ende Oktober begonnen, 78 Angehörige derjenigen Küstenwache, die von Tripolis kontrolliert wird, auf Marineschiffen zu schulen. Sie sollen europäische Soldaten dabei unterstützen, "Menschenhandel und Schleusernetzwerke zu stören", heißt es vom Europäischen Auswärtigen Dienst, und außerdem auf dem Mittelmeer "Leben retten". Dabei sind viele der Vorfälle zwischen zivilen Schiffen und Küstenwachleuten bis heute nicht geklärt.

Bereits im April hatten bewaffnete Männer in Tarnjacken und Sturmhauben die Sea Watch 2 gestoppt. Von einem motorisierten Schlauchboot schossen sie zunächst in die Luft und enterten dann mit Sturmgewehren das Rettungsschiff. Nach einem Gespräch mit den Freiwilligen an Bord zogen sie ab. Dem EU-Operationshauptquartier in Rom zufolge habe es sich um "Vertreter der sogenannten libyschen Küstenwache" gehandelt, die illegale Fischerei vermutet hätten.