Missbrauch in der Kirche "Plumpe Kampagne gegen den Papst"

Mit scharfen Worten hat der Vatikan Kritik an Papst Benedikt XVI. zurückgewiesen. Doch ein Antisemitismus-Vergleich sorgt bereits für neuen Wirbel.

Mit scharfen Worten hat der Vatikan die Vorwürfe gegen Papst Benedikt XVI. im Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche zurückgewiesen. Die offizielle Vatikan-Zeitung Osservatore Romano titelt in ihrer Sonntagsausgabe: "Plumpe Kampagne gegen den Papst und die Katholiken". Die Zeitung spricht von "verleumderischen Angriffen" und einer "Diffamierungskampagne", die um die Missbrauchsfälle konstruiert werde.

Die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche überschatten in diesem Jahr die Osterfeierlichkeiten. Der Papst steht in der Kritik, weil er bislang noch keine offizielle Erklärung zu den Fällen in Deutschland abgegeben hat. US-Medien hatten Ende März zudem berichtet, der damalige Kardinal Joseph Ratzinger habe in den 90er Jahren als Präfekt der Glaubenskongregation nichts gegen einen Priester in den USA unternommen, der Jahrzehnte zuvor bis zu 200 gehörlose Jungen missbraucht haben soll.

Oberhaupt der Anglikaner entschuldigt sich

Für Aufsehen sorgten zudem ein missglückten Antisemitismus-Vergleich im Vatikan und die Kritik des Oberhaupts der Anglikanischen Kirche. Rowan Williams, der Erzbischof von Canterbury, bescheinigt den Katholiken in Irland, im dortigen Missbrauch-Skandal alle Glaubwürdigkeit verloren zu haben. Dies stelle nicht nur ein Problem für die Kirche, sondern für jedermann in Irland dar, zitierte die britische Zeitung The Times am Samstag aus einem Interview des Senders BBC mit Williams, das in der kommenden Woche ausgestrahlt werden soll.

Es ist das erste Mal, dass sich das Oberhaupt der Anglikaner öffentlich zur Krise in der katholischen Kirche äußerte. Der katholische Erzbischof von Dublin, Diarmuid Martin, reagierte schockiert und betroffen auf Williams Aussagen. Ein solches Urteil sei "ungeheuer entmutigend" für alle, die sich um die Erneuerung der Kirche bemühten, sagte Martin, der Oberhirte der irischen Hauptstadt-Diözese.

Daraufhin entschuldigte sich Williams für seine Äußerung. In einem Schreiben an Martin, bedauerte er die "Schwierigkeiten", die durch seine Bemerkungen ausgelöst worden sein könnten. Der Vatikan distanzierte sich derweil am Samstag nach öffentlichen Protesten von einem Antisemitismus-Vergleich, den der persönliche Prediger des Papstes nach Angriffen auf die Kirche wegen des Missbrauchskandals gezogen hatte.

Papst-Prediger Raniero Cantalamessa hatte am Karfreitag im Beisein von Benedikt XVI. aus dem Brief eines jüdischen Freundes zitiert: "Die Stereotypen und das Verschieben persönlicher Verantwortung und Schuld hin zu einer kollektiven Schuld erinnert mich an beschämendste Aspekte des Antisemitismus."

"Ich dementiere auf Schärfste, dass dies ein vom Vatikan angeregter Vergleich zwischen dem Antisemitismus und der derzeitigen Situation in Sachen Pädophilie sei", sagte Vatikan-Sprecher Federico Lombardi nach italienischen Medienberichten vom Samstag. Was der Priester zitiert hatte, habe allein ein Zeugnis der Solidarität durch einen Juden sein sollen, erklärte Lombardi der New York Times. Es habe absolut kein Angriff auf die jüdische Welt sein sollen und sei auch "kein passender Vergleich", sagte Lombardi. Benedikt XVI. hingegen schweigt zu den Vorwürfen.

Jüdische Gruppen haben weltweit mit Bestürzung auf den Antisemitismus-Vergleich reagiert. "Ich bin absolut verblüfft. Das ist Torheit", sagte der frühere Vorsitzende der Jüdischen Gemeinden in Italien, Amos Luzzatto. Roms Oberrabbiner Riccardo Di Segni, der den Papst Anfang des Jahres in der Synagoge der Hauptstadt empfing, bezeichnete die Äußerungen als "geschmacklos".

Unabhängig von diesem Vergleich sprach die deutsche Grünen-Politikerin Christa Nickels - ein Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken - im Deutschlandfunk vom "größten Vertrauensverlust der katholischen Kirche seit der Hitler-Zeit". Mehr Druck auf die Kirche forderte die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Renate Künast. Der geplante Runde Tisch der Bundesregierung sei keine Lösung. Nötig seien ein Opferfonds und eine unabhängige Untersuchungskommission, sagte sie der Welt am Sonntag.

In ihren Predigten zur Osternacht verlangten der Münchner Erzbischof Reinhard Marx und der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick von den Einzelnen mehr Verantwortung. Den Missbrauchsskandal ordneten sie laut vorab verbreiteten Mitteilungen als Folge von Werteverlust und Verantwortungslosigkeit ein. Papst Benedikt XVI. wird am Sonntag vom Balkon des Petersdoms den traditionellen Ostersegen "Urbi et Orbi" ("Der Stadt und dem Erdkreis") erteilen.

Allein das Erzbistum Freiburg zählte nach eigenen Angaben bisher Beschuldigungen gegen 31 Menschen wegen sexueller Übergriffe. In 16 Fällen hätten die mutmaßlichen Opfer verschiedene Priester der Diözese belastet. "Alle uns in den vergangenen Wochen neu gemeldeten Vorfälle beziehen sich auf den Zeitraum zwischen 1950 und 1980", teilte das Erzbistum mit.

40 Opfer auch bei der evangelischen Kirche im Rheinland

Auch bei der evangelischen Kirche im Rheinland haben sich in den vergangenen Jahren 40 Menschen als Opfer sexuellen Missbrauchs gemeldet. Das sagte der amtierende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, der Passauer Neuen Presse.

Seit 2003 habe die rheinische Landeskirche ein abgestimmtes Verfahren bei Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, sagte Schneider. "Seither haben sich 40 Opfer an uns gewandt", erklärte Schneider.

"Darüber hinaus haben sich in den vergangenen Tagen weitere Menschen bei uns gemeldet, die Missbrauchserfahrungen schildern", fügte Schneider hinzu. "Diese Fälle beziehen sich ausnahmslos auf Vorgänge, die viele Jahre und Jahrzehnte zurückliegen", sagte Schneider, der die EKD seit dem Rücktritt von Margot Käßmann führt.