Migration Auch der Kurdenkonflikt gehört zu Deutschland

Kurden demonstrieren vor dem Brandenburger Tor gegen den türkischen Militäreinsatz in Nordsyrien.

(Foto: dpa)

Die Anspannung zwischen Kurden und Türken steigt, auch in Berlin - und jenseits von Demonstrationen und Gewalt. Doch die Fronten verlaufen nicht immer eindeutig.

Von Hannah Beitzer, Berlin

Wenn Panzer rollen, Menschen sterben, Moscheen brennen, werden auch Wörter zum Problem. Zum Beispiel "Kurdistan". Kurdistan nennen Kurden ihr historisches Siedlungsgebiet, das sich von der Türkei über Syrien und den Irak bis nach Iran erstreckt und das viele gerne als eigenes Land sehen würden. Für viele Türken ist "Kurdistan" daher ein Kampfbegriff von Terroristen. Und wer ihn benutzt, ist selbst ein Terrorist.

Das erzählen Volkan Erdinç und Dilara Özer. Sie arbeiten für einen sozialen Träger in Berlin, einen kurdischen Verein mit kurdischem Namen. Von deutschen Kooperationspartnern bekämen sie häufiger zu hören: "Ihr macht tolle Arbeit - aber müsst ihr so hervorheben, dass ihr aus Kurdistan seid?" Die deutschen Organisationen fürchten, dass sich auf den interkulturellen Veranstaltungen, die es in Berlin häufig gibt, türkischstämmige Menschen im Publikum provoziert fühlen könnten.

Etwa drei Millionen Menschen mit türkischem Migrationshintergrund leben in Deutschland. Zu den Kurden gibt es nur grobe Schätzungen, etwa eine Million sollen es sein. Der jahrzehntealte Konflikt zwischen Türken und Kurden, der sich gerade im türkischen Militäreinsatz im nordsyrischen Afrin manifestiert, ist damit längst auch eine innerdeutsche Angelegenheit. In den vergangenen Wochen gingen friedliche Demonstranten auf die Straße, es brannten aber auch in mehreren deutschen Städten Moscheen und türkische Kulturvereine. Die Polizei verdächtigt kurdische Extremisten.

Weiterer Brandanschlag auf türkischen Verein in Deutschland

Diesmal trifft es ein Kulturzentrum im nordrhein-westfälischen Ahlen. Der Vorfall könnte zu einer Serie gehören und politisch motiviert sein. Ankara fordert Aufklärung. mehr ...

Der türkisch-kurdische Konflikt prägt den Alltag in Berlin

Doch auch jenseits der großen Eskalation prägt der Konflikt den Alltag vieler Menschen. Lehrer berichten von Streit zwischen kurdisch- und türkischstämmigen Schülern. Sozialarbeiter in Berlins multikulturellen Vierteln von eisiger Verachtung zwischen Nachbarn. In deutschen Moscheen predigen Imame für einen Sieg der Türkei in Nordsyrien. Und manche Deutsche fragen sich, auf welcher Seite sie stehen sollen: Auf der des Nato-Partners Türkei? Oder doch auf der Seite der Kurden, mit denen man eben noch den IS bekämpfte?

Der Konflikt prägt auch die Arbeit von Dilara Özer. "Wir wollen uns nicht verstecken", sagt sie. Deswegen arbeite ihr Verein entweder unter seinem echten, kurdischen Namen. Oder gar nicht. Dennoch ist es ihr lieber, in diesem Artikel unter einem anderen Namen aufzutreten und auch den ihres Vereins nicht zu nennen. Gerade weil der Verein sich gar nicht mit dem türkisch-kurdischen Konflikt beschäftigt, will er damit nicht eigens in Verbindung gebracht werden. Es ist ein schwieriges Thema.

Schwieriges Thema, findet auch Kazım Erdoğan. Zudem eines, über das zu wenig gesprochen werde. Jedenfalls nicht mit der jeweils anderen Seite. Der türkischstämmige Sozialarbeiter leitet im Berliner Stadtteil Neukölln seit elf Jahren eine Vätergruppe, die über die unterschiedlichsten Dinge spricht. Da sitzen dann schon einmal glühende Verteidiger der türkischen Regierung neben Anhängern eines freien Kurdistan. Immer wieder springen während des Gesprächs Männer auf und wollen das Zimmer verlassen, erzählt er in seinem Büro.

Emotionale Gespräche, große Verletzungen

"Die Gespräche sind sehr emotional. Es gibt viele Möglichkeiten, sich zu verletzen", sagt Erdoğan. Nebenan trifft sich gerade eine Gruppe Frauen zum Sprachkurs. Wortfetzen in unterschiedlichen Sprachen dringen bis an seinen Schreibtisch. Typisch Neukölln eben, das Multikultiviertel par excellence. Doch Erdoğan winkt ab, wenn die Sprache auf das Miteinander in dem Viertel kommt. Viel zu viele Menschen lebten hier einfach nur nebeneinander her, blieben unter ihresgleichen: "Dass die Leute intensiv miteinander reden, ist der Ausnahmefall."

Es gebe zwar immer wieder Zeiten, in denen es besser laufe. Zum Beispiel zwischen Türken und Kurden. Zu Beginn seiner Amtszeit hatte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan die Annäherung an die Kurden gesucht, so wie er auch die Annäherung an Europa suchte. Doch dann steuerte der türkische Präsident sein Land hin zu mehr Nationalismus, regierte die Türkei immer autoritärer. "Frei gewählte kurdische Parlamentarier der Partei HDP mussten ihre Mandate abgeben", sagt Kazım Erdoğan. Die Kurden wurden wieder zu Feinden.