Merkel im Vatikan Eine Frau der Kirche

Schon zum zweiten Mal ist Angela Merkel bei Papst Franziskus zu einer Privataudienz eingeladen.

(Foto: Getty Images)
  • An diesem Wochenende empfängt der Papst Angela Merkel zu einer Privataudienz - und das bereits zum zweiten Mal in seiner erst zweijährigen Amtszeit.
  • Zum Vorgänger Benedikt hatte die deutsche Kanzlerin ein eher kühles Verhältnis, doch mit Franziskus versteht sie sich hervorragend.
  • Auch der Papst, der sich explizit als politisches Kirchenoberhaupt versteht, sieht die deutsche Regierungschefin als wichtige Repräsentantin in Europa.
Von Matthias Drobinski und Stefan Kornelius

In der Bibliothek des Appartamento, der einstigen Papstwohnung, stauben sie jetzt die Regale ab und rücken die Stühle zurecht - hoher Besuch kommt. Noch immer empfängt Papst Franziskus hier zur Privataudienz, auch wenn er selbst ins Gästehaus des Vatikans gezogen ist. Und an diesem Samstag kommt Angela Merkel, die deutsche Bundeskanzlerin.

Die mächtigste Frau der Welt trifft den wohl bekanntesten Mann der Welt, das klingt aufregend, ist zunächst aber nur ein Teil des diplomatischen Betriebs: Merkel kommt, weil Deutschland gerade den G7-Vorsitz inne hat. Diese Präsidentschaft soll im Mittelpunkt des Gesprächs stehen, es soll um Armutspolitik und Flüchtlinge gehen, den Klimaschutz und die Gesundheitspolitik, natürlich auch um die Ukraine-Krise, die Griechen und den interreligiösen Dialog unter dem Unglücksstern des IS-Terrors. Die Weltprobleme werden die beiden nicht lösen, das Treffen mit Frankreichs Präsident François Hollande am Tag zuvor ist von höherer unmittelbarer tagespolitischer Relevanz gewesen.

Und doch erzählt das Treffen im Vatikan viel über eine Kanzlerin, die zunehmend die Religion als Problem wahrnimmt, aber sie zugleich auch als eine Lösungsmöglichkeit sieht - und zwar in der Weltpolitik wie in der Innenpolitik. Und es sagt einiges über einen Papst, der sich, mehr als sein Vorgänger Benedikt XVI., als Global Player der Moral versteht - und der im Zeitalter der Globalisierung auch direkt politisch mitmischen möchte, so wie Benedikts Vorgänger Johannes Paul II. das tat.

Angela Merkel, die Protestantin, und Papst Franziskus, der oberste Katholik, verstehen sich persönlich gut. Zum Vorgänger Benedikt war das Verhältnis schwierig. Wer in der CDU Joseph Ratzinger toll fand, war oft kein Freund von Merkel. Dann kam das Jahr 2009: Benedikt hatte die Exkommunikation des Traditionalisten-Bischofs Richard Williamson zurückgenommen, der sich als Holocaustleugner erwies, und Merkel forderte den Papst auf, "sehr eindeutig" zu erklären, dass so etwas keinen Platz in der Kirche haben dürfe. Daraufhin war der Papst verstimmt, und die Distanz blieb. Die freundlichsten Worte fand die Kanzlerin nach Benedikts Rücktritt.

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Franziskus entfaltete seine Menschenfischerqualitäten

Mit Franziskus ist nun alles anders. Eine gemeinsame Konfliktgeschichte gab es nicht, als die beiden sich zur Amtseinführung des Papstes vor bald zwei Jahren das erste Mal die Hand schüttelten. Den nächsten Termin besorgte Merkel sich selbst: Weil Päpste keine Antrittsbesuche machen, bat sie einfach um eine Privataudienz. Dort, es war im Mai 2013, entfaltete Franziskus seine Menschenfischerqualitäten - die Atmosphäre sei sehr herzlich gewesen, schwärmte hinterher die Bundeskanzlerin, und dass sie sich schon aufs nächste Treffen freue: "Dann gehen wir auf die Piazza und essen eine Pizza."

Dazu kommt es nun nicht, allein schon, weil ein fürsorglich erschrockener Dolmetscher den Satz gar nicht erst für den Papst übersetzte. Doch die Nähe ist geblieben. Als Annette Schavan nach der Affäre um ihre Doktorarbeit als Bundesbildungsministerin zurücktrat, setzte sich Merkel dafür ein, dass ihre Vertraute Botschafterin im Vatikan wurde. Die hat sich dort mittlerweile einige Anerkennung erarbeitet: Als engagierte Laienkatholikin kennt sie sich theologisch aus, in den Zirkeln, zu denen sie einlädt, wird auf hohem Niveau diskutiert, welche Reformen nun die katholische Kirche und die Kurie brauchen.

"Das nächste Mal gehen wir auf eine Piazza und essen Pizza": Angela Merkel im Mai 2013 bei ihrer letzten Audienz beim Papst. 45 Minuten waren ihr vergönnt.

(Foto: Guido Bergmann/Getty Images)

Und dann dürfte da noch eine Art biografische Spurensuche sein, die Merkels Interesse an der katholischen Kirche antreibt. Erst vor zwei Jahren hat die Kanzlerin erfahren, dass sie katholische Wurzeln hat. Ihr Großvater väterlicherseits, Ludwig Kazmierczak, stammte aus Posen und war katholisch getauft. 1930 beschloss er, seinen Namen einzudeutschen und nannte sich fortan Kasner. Mit ihm übernahmen seine Frau und der damals vierjährige Sohn Horst den neuen Namen - vermutlich um dieselbe Zeit traten die Kasners zur evangelischen Kirche über. Horst Kasner, der verstorbene Vater der Kanzlerin, war also ursprünglich katholisch getauft. Der erste Beleg seiner neuen Konfession findet sich auf der Konfirmationsurkunde. Später wurde er evangelischer Pfarrer. Für Angela Merkel, im Pfarrhaushalt aufgewachsen und protestantisch geprägt in Haltung und Denkweise, war die Nachricht überraschend. Sie hat ihr Interesse an der katholischen Kirche neu entfacht.

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