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Papst zum Schlagen von Kindern:Heiliger Vater, das ging daneben

Pope Francis blesses a baby dressed as the Pope as he arrives to lead his Wednesday general audience at the Vatican

Zum Schreien? Bei diesem Kind stößt Papst Franziskus auf wenig Gegenliebe.

(Foto: Reuters)
  • Papst Franziskus' Aussage zum Schlagen von Kindern ist kein Skandal, aber sie gehört sich trotzdem nicht.
  • Die christlichen Kirchen haben Gewalt gegen Kinder lange gerechtfertigt - mit furchtbaren Folgen.
  • Wer so redet wie der Papst, muss an den Rand dessen gehen, was dem Amt angemessen erscheint. Franziskus hat diese Grenze ganz schön strapaziert.

Kommentar von Matthias Drobinski

Um das gleich zu sagen: Papst Franziskus hat nicht für Prügel plädiert. Er hat in seiner Generalaudienz klug über die Verantwortung der Väter geredet - und dann von einem erzählt, der gesagt habe, er müsse manchmal seine Kinder "ein bisschen schlagen, aber nie ins Gesicht, um sie nicht zu demütigen".

"Wie schön", kommentierte das der Papst. "Er weiß um den Sinn der Würde".

Wenn man dem obersten Katholiken freundlich gesinnt ist, kann man das so deuten: Auch die besten Eltern kommen mal an ihre Grenzen. Und ein Klaps ist keine Prügel, die ein Kind erniedrigen und brechen soll. Ein Skandal ist der Satz also nicht. Aber er gehört sich nicht für einen Papst.

Er gehört sich nicht, weil man ihn eben anders interpretieren kann: Eine ordentliche Tracht Prügel hat noch keinem geschadet - nur Hiebe auf den Kopf machen dumm. Zu lange haben die christlichen Kirchen Gewalt gegen Kinder gerechtfertigt, gern mit dem Satz aus dem Alten Testament, dass sein Kind züchtigt, wer es liebt. Die Folgen waren furchtbar. Das lebt noch in zu vielen Köpfen zu vieler Väter, die sich jetzt von Franziskus bestätigt sehen können, ob der das will oder nicht.

Franziskus hat das Amt menschlich gemacht

Es ist eben der Papst, der das gesagt hat. Er ist der Inhaber des Lehramtes seiner Kirche, ihr "Heiliger Vater". Er hat die Sätze auch nicht daheim in Santa Martha am Küchentisch gesagt, sondern vor laufenden Kameras bei der Generalaudienz. Das Amt und der öffentliche Auftritt aber erfordern, dass, wer da auftritt, sich seiner Rolle bewusst ist und der Verantwortung, die er für seine Worte hat. Das gilt für den Chef eines Unternehmens wie für die Bundeskanzlerin wie für den Papst.

Es gehört zu den großen Verdiensten des Jorge Mario Bergoglio, dass er die Starre des Amtes durchbrochen hat. Er hat es menschlich gemacht, durch die Art, wie er lebt, und die Weise, wie er spricht. Er wünsche eine "verbeulte Kirche", die sich aufs Leben einlässt: Ja, setzt sich fest. Die Hirten müssen den "Geruch der Schafe" annehmen - jeder weiß, was gemeint ist, genauso, wenn der Papst sagt, der Kurie drohe "spirituelles Alzheimer". Glaube und Religion sind das pralle Leben. Um davon zu erzählen, braucht es eine zupackende Sprache, braucht es Erzählungen und Bilder. Da ist Franziskus ganz bei Martin Luther und bei Jesus.

An den Rand dessen, was angemessen ist

Und ja: Wer so redet, muss etwas riskieren. Er muss an den Rand dessen gehen, was dem Amt und der Rolle als angemessen erscheint, muss das Erwartete durchbrechen. Franziskus hat nun diese Grenze ganz schön strapaziert: Zunächst, nach den Anschlägen auf die Satire-Zeitung Charlie Hebdo, mit der Bemerkung, dass, wer die Mutter des Papstes beleidige, einen Faustschlag ins Gesicht bekomme. Dann mit dem Satz, dass auch Katholiken sich nicht vermehren müssten "wie die Karnickel". Das hat ihn in so ziemlich alle Satiresendungen dieser Welt gebracht. Ob es gut war, ist eine andere Frage.

Diese Frage macht sich nicht an der Wortwahl fest, obwohl vielleicht ein Papst nicht zur Inflation des Flachwitzes beitragen muss. Aber weder das Faustschlag-, noch das Karnickel-Zitat diente der Wahrheitsdebatte. Im Gegenteil: Die Formulierungen schufen Unklarheit. Sie lenkten erstens davon ab, dass dieser Papst ein eher enges Verständnis von der Satirefreiheit hat, und zweitens, dass er bislang nicht daran denkt, das Verbot künstlicher Verhütungsmittel für Katholiken aufzuheben.

Und jetzt der Satz vom Vater, dem Klaps und der Würde. Ja, es ist gut, dass dieser Papst in seinen Reden was riskiert. Aber diesmal, mit Verlaub, Heiliger Vater, ging es daneben.

© SZ.de/olkl

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