Merkel bei Kundgebung gegen Judenhass "Jüdisches Leben ist Teil unserer Identität"

"Wir wollen, dass sich Juden in Deutschland sicher fühlen", sagt Angela Merkel bei der Kundgebung gegen Antisemitismus in Berlin.

(Foto: AFP)

Hass-Parolen im Internet und Gewalt gegen Juden gab es in Deutschland zuletzt immer wieder. Bei einer Kundgebung in Berlin verurteilt die Kanzlerin Antisemitismus. Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden, sagt: Genug ist genug."

  • Bei einer Kundgebung in Berlin verurteilt Kanzlerin Angela Merkel Gewalt gegen Juden sowie antisemitische Drohungen aufs Schärfste: "Wir wollen, dass sich Juden in Deutschland sicher fühlen."
  • Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, dringt auf ein entschlosseneres Vorgehen gegen Antisemitismus - auch von den Vertretern der Muslime.
  • "Nie mehr Judenhass" ist das Motto der vom Zentralrat organisierten Veranstaltung. Sie ist eine Reaktion auf judenfeindliche Attacken und Gewalttaten in den vergangenen Monaten.
  • Zahlreiche bekannte Vertreter aus Poltik und Gesellschaft sind nach Berlin gekommen. Neben Bundeskanzlerin Angela Merkel, die auch eine Rede halten wird, nehmen unter anderem SPD-Chef Sigmar Gabriel, Kardinal Reinhard Marx sowie Bundespräsident Gauck teil.

Merkel verurteilt Gewalt gegen Juden und antisemitische Drohungen

Etwa 6000 Menschen haben sich am Sonntag am Brandenburger Tor in Berlin versammelt, um ein Zeichen gegen Antisemitismus zu setzen. Prominenteste Rednerin war die Bundeskanzlerin. "Das jüdische Leben gehört zu uns. Es ist Teil unserer Identität", sagte Angela Merkel. Diskriminierung und Ausgrenzung dürften in Deutschland keinen Platz haben. Merkel verurteilte "jede Form von Judenfeindlichkeit in Deutschland und Europa auf das Schärfste". Dass heutzutage Menschen wegen ihrer Zugehörigkeit zum jüdischen Glauben angepöbelt würden, "das ist ein ungeheurer Skandal".

Sie betonte, dass die deutschen Behörden mit aller Härte gegen antisemitische Drohungen und Gewalt vorgingen. "Wir wollen, dass sich Juden in Deutschland sicher fühlen", sagte Merkel. Den jüdischen Mitbürgern rief sie zu: "Jüdische Freunde, Nachbarn, Kollegen. Sie sind in Deutschland zu Hause."

Graumann: "Genug ist genug"

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, fordert ein entschlosseneres Vorgehen gegen Antisemitismus. Nie im Leben habe er sich vorstellen können, in Deutschland überhaupt gegen Antisemitismus demonstrieren zu müssen, sagte er auf der Kundgebung.

Muss die deutsche Bevölkerung mehr Engagement gegen Antisemitismus zeigen?

Der Zentralrat der Juden ruft an diesem Sonntag in Berlin zu einer Kundgebung gegen Judenhass auf. Wie schätzen Sie die Lage in Deutschland ein: Muss die Bevölkerung mehr Engagement gegen Antisemitismus zeigen? Diskutieren Sie mit uns. mehr ... Ihr Forum

Nach den "schlimmsten antisemitischen Parolen auf deutschen Straßen seit vielen Jahrzehnten" sei dies aber nötig. In den sozialen Netzwerken werde "kübelweise Hass gegen Juden ausgegossen". Vor einigen tausend Teilnehmern sagte Graumann: "Wir sind hier, um gemeinsam und geschlossen zu zeigen: Keinen Platz für Judenhass!"

Angesichts der jüngsten Verbalattacken und Gewaltdelikte sagte Graumann weiter: "Unsere Albträume, ja meine eigenen Albträume sind weit übertroffen worden." Die Juden wollten sich das nicht mehr gefallen lassen: "Genug ist genug!" Parolen wie Juden sollten vergast werden, hätten mit Kritik an israelischer Politik nicht das Geringste zu tun: "Nein: das ist der pure, der lupenreine Antisemitismus und gar nichts sonst."

Außerdem forderte er die Vertreter der Muslime in Deutschland auf, stärker gegen Antisemitismus vorzugehen, denn die schlimmsten judenfeindlichen Parolen seien von muslimischen Fanatikern gekommen. "Die muslimischen Verbände im Land müssen viel mehr tun, um den katastrophalen Judenhass in ihren eigenen Reihen zu bekämpfen", sagte er: "Muslime dürfen nicht zulassen, wenn radikale Islamisten ihre Religion missbrauchen, um Hass zu schüren." Viele Muslime in Deutschland dächten nicht so wie sie radikalen.

Gewalt und antisemitische Parolen bei Anti-Israel-Demonstrationen

Besonders während des jüngsten Kriegs im Gazastreifen hatte es in der deutschen Bevölkerung scharfe Kritik an Israel gegeben. Immer wieder kippten Proteste gegen das Vorgehen der Regierung von Benjamin Netanjahu in reinen Antisemitismus - zum Beispiel bei einer Demonstration auf dem Berliner Kurfürstendamm. "Jude, Jude, feiges Schwein - komm heraus und kämpf' allein", solche Sätze waren Ende Juli in der Hauptstadt zu hören. In Göttingen wurden Pro-Israel-Demonstranten von Pro-Palästina-Demonstranten angegriffen. Antisemitische Parolen und Juden, die auf offener Straße bedroht werden - das besorgt die jüdischen Vertreter in der Bundesrepublik.

Graumann sagte in Berlin, Antisemitismus sei häufig gerechtfertigt worden durch den Gaza-Krieg. "Was hat das eine mit dem anderen zu tun, wenn auf deutschen Straßen Juden als Schweine beschimpft werden?" Dies sei purer Antisemitismus: "Wer wegen Israel zum Antisemiten wird, der war längst einer", sagte Graumann.

"Nie mehr Judenhass" ist deshalb das Motto der Kundgebung am Brandenburger Tor. Organisiert wurde die Veranstaltung vom Zentralrat der Juden in Deutschland - und schon alleine diese Tatsache verbittert einige Juden. "Warum kommt die Initiative dazu nicht aus der Mitte der Gesellschaft?", fragte die ehemalige Zentralrats-Vorsitzende Charlotte Knobloch im Berliner Tagesspiegel am Sonntag. Und gibt selbst die Antwort: "Die Anständigen scheinen eingeschlafen zu sein."

Hochrangige Vertreter aus Politik und Gesellschaft in Berlin

Was Knobloch und Co. freuen wird: Bei der Kundgebung in Berlin haben sich zahlreiche hochrangige Vertreter aus Politik und Gesellschaft angesagt. Neben der Kanzlerin werden auch Bundespräsident Joachim Gauck, SPD-Chef Sigmar Gabriel und Innenminister Thomas de Maizière erwartet. Auf der Rednerliste stehen auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider, der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Ronald S. Lauder sowie Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit.

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