Literatur-Nobelpreisträger Grass rechnet mit Lafontaine ab

Sorgt stets für angeregte Debatten: Günter Grass

(Foto: dapd)

In der Geschichte der SPD habe es "keinen schmierigeren Verrat" gegeben: Günter Grass verurteilt den Rücktritt des früheren Parteichefs Lafontaine und wirft ihm im Umgang mit den Genossen Charakterlosigkeit vor. Doch Lafontaine hält dem Literatur-Nobelpreisträger entgegen: Wer seine eigene Zugehörigkeit zur Waffen-SS verschweigt, solle sich zu Charakterfragen besser nicht mehr äußern.

Von Daniel Brössler, Berlin

Der Literatur-Nobelpreisträger und langjährige SPD-Unterstützer Günter Grass hat die Sozialdemokraten zur Aufgeschlossenheit gegenüber der Linkspartei aufgerufen - dies aber mit scharfer Kritik am Ex-Vorsitzenden beider Parteien, Oskar Lafontaine, verbunden. "Es gab in der Geschichte der sozialdemokratischen Partei keinen schmierigeren Verrat, wie den von Oskar Lafontaine an seinen Genossen", sagte der 85-Jährige in einer für die Süddeutsche Zeitung autorisierten Kurzfassung eines Gesprächs, das in diesen Tagen in Buchform erscheint. Lafontaine sprach Grass wiederum das Recht ab, sich in Charakterfragen zu äußern.

Eigentlich müsse es im Interesse beider Parteien liegen, sich anzunähern, erklärte Grass. Ein "Hemmnis auf dem Weg dahin" sei eine Person: Oskar Lafontaine. "Gleichzeitig alle Ämter niederzulegen, eine Wende um 180 Grad zu inszenieren, die eigene Partei in der Bild-Zeitung anzugreifen, dazu gehört eine Charakterlosigkeit ohnegleichen", sagte er in dem Gespräch für das Buch "Was würde Bebel dazu sagen?", das von dem Publizisten Manfred Bissinger und Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) herausgegeben wird.

Lafontaine war am 11. März 1999 als Finanzminister und SPD-Chef zurückgetreten und hatte dies mit dem "schlechten Mannschaftsspiel" in der rot-grünen Bundesregierung unter Gerhard Schröder begründet. Vor der Bundestagswahl 2005 schmiedete er ein Bündnis der Wahlalternative Arbeit und Soziale Gerechtigkeit (WASG) und der Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS), die aus der DDR-Staatspartei SED hervorgegangen war. Daraus entstand die Partei Die Linke, deren Vorsitzender Lafontaine bis 2010 geblieben ist. "Es ist im Grunde ein Pyrrhussieg für die Linke, ihn gewonnen zu haben. Mit seiner Verweigerungsstrategie hält er die Partei davon ab, Verantwortung zu übernehmen", sagte Grass.

"Er sollte sich zu Charakterfragen besser nicht mehr äußern"

Lafontaine wies die Vorwürfe zurück. "Grass bekommt viele Dinge nicht mehr mit, sonst wüsste er, dass ich der SPD immer wieder angeboten habe, mit der Linken die Bundesregierung oder Länderregierungen zu bilden", sagte er. "Die SPD verweigert sich bis heute", fügte der 69-Jährige hinzu, der sich weitgehend von der Bundespolitik zurückgezogen hat und im saarländischen Landtag die Linksfraktion führt.

"Seit bekannt ist, dass Grass Sozialdemokraten wie Karl Schiller bedrängt hat, ihre Nazivergangenheit offenzulegen, während er die eigene Zugehörigkeit zur Waffen-SS verschwieg, sollte er sich zu Charakterfragen besser nicht mehr äußern", forderte Lafontaine. Grass hatte erst 2006 öffentlich gemacht, dass er mit 17 Jahren der Waffen-SS angehört hatte. Einen Kommentar dazu hatte Lafontaine damals mit dem Hinweis auf "persönliche Auseinandersetzungen" mit dem Schriftsteller abgelehnt.

Gegen Koalitionsgespräche mit der Linken sei nichts einzuwenden, sagte Grass. Vor einer Koalition müssten aber "ganz entscheidende Dinge geschehen". Die Forderung der Linken, Deutschland solle die Nato verlassen, "gehe natürlich so einfach nicht". Richtig sei aber, dass die Nato reformiert werden müsse.

Lesen Sie eine ausführliche Version des Gesprächs mit Günter Grass in der Dienstagsausgabe der Süddeutschen Zeitung.