Linke-Parteitag in Magdeburg Auch ein Tortenwurf ist Gewalt

Es hätte auch Säure sein können: Nach dem Angriff mit einer Sahnetorte stellen sich die Parteivorsitzende Katja Kipping und der Fraktionsvorsitzende im Bundestag Dietmar Bartsch vor Sahra Wagenknecht.

(Foto: dpa)

Sahra Wagenknecht hat auf dem Parteitag der Linken eine Torte ins Gesicht bekommen. Das klingt lustig. Ist es aber nicht. Überhaupt nicht.

Kommentar von Thorsten Denkler, Magdeburg

Natürlich wurden danach Witze gemacht. Ob sie denn lecker war, die Schokotorte. Oder ob es Rezepte gibt für eine gut zu werfende Schokotorte. Oder ob noch jemand außer Sahra Wagenknecht so eine Schokotorte verdient haben könnte in der Linken. Das ist menschlich verständlich. Humor hilft bis zum einem gewissen Grad - auch um einen Schock zu verarbeiten. Und ein Schock war das.

Es ist kurz vor Samstagmittag, als ein Schrei durch die Messehalle Magdeburg gellt, in der an diesem Wochenende die Linke zu ihrem Bundesparteitag zusammenkommt. Menschen laufen zusammen dort vorne in der ersten Reihe. Parteichef Bernd Riexinger bricht seine Rede ab, fragt irritiert: "Was ist da los?" Angst ist in seinen Augen.

Wagenknecht, die Fraktionschefin, wird abgeschirmt. Ihr Co-Vorsitzender Dietmar Bartsch verdeckt die Sicht auf Wagenknecht mit seinem Jackett, Parteichefin Katja Kipping mit ihrem Blazer. Immer noch ist nicht klar, was genau passiert ist. Ein flüchtiger Blick auf ihr Gesicht, völlig entstellt sieht es aus. Fragen schießen in den Kopf: Aufgeplatzte Haut? Ist das Säure?

Dann, Erleichterung. Es ist - nur - Schokotorte. Geworfen von einem Mann, der sich als Teil einer "antifaschistischen Initiative 'Torten für Menschenfeinde'" sieht. Auf Wagenknecht haben sie es abgesehen. Weil sie offen über "Kapazitätsgrenzen" für Flüchtlinge nachgedacht hat und Flüchtlinge davor warnte, ihr "Gastrecht" nicht zu missbrauchen. In der Linken hat sie dafür einiges an Kritik einstecken müssen.

Ein Tortenwurf zeigt die Verletzlichkeit der eigenen Person

Nur Schokotorte also. Manche finden die Aktion tatsächlich richtig witzig. Auf Facebook und Twitter häufen sich die schadenfrohen Kommentare. Sie sollen hier nicht wiedergegeben werden. Diese Aktion war vieles - lustig aber sicher nicht.

Der Wurf ist ein Akt der Entwürdigung. Das Ziel ist, die getroffene Person zu demütigen, sie nicht äußerlich, aber durchaus innerlich zu verletzen. Es mag lächerlich klingen, aber wer als öffentliche Person wie Sahra Wagenknecht in einer öffentlichen Veranstaltung eine Torte abbekommt, der spürt für einen tiefgreifenden Moment die ganze Verletzlichkeit der eigenen Person. Danach ist der Mensch ein anderer.

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Der Schock besteht auch darin, sich plötzlich vorstellen zu müssen, was noch alles hätte passieren können. Was, wenn es doch nicht nur Sahnecreme gewesen wäre? Was, wenn ein Messer, wenn wirklich Säure, wenn eine Pistole im Spiel gewesen wäre?

Es ist keine Kunst, sondern politisch motivierte Gewalt

Oskar Lafontaine, Wagenknechts Mann, hat das erlebt. Am 26. April 1990 ist ihm von einer offenbar geistig verwirrten Frau auf einer öffentlichen Veranstaltung ein Messer in den Hals gerammt worden. Bei ihm dürfte der Anschlag auf seine Frau Erinnerungen wachrufen.

Nein, Tortenanschläge sind nicht harmlos. Egal, ob es Wagenknecht trifft, oder wie vor kurzem die AfD-Politikerin Beatrix von Storch. Da sollte der Tortenwurf noch Kunst sein. Aber Kunst ist ein Tortenwurf auch nicht.

Er ist vor allem in diesem Kontext nichts anderes als politisch motivierte Gewalt. Die gehört geächtet. Aus welchem Material die Waffe besteht, spielt keine Rolle.

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