Libyen Tödlicher Korridor nach Europa

  • 500 000 oder gar eine Million Menschen warten in Libyen auf die gefährliche Überfahrt nach Europa.
  • Es sei für Schlepper und Menschenschmuggler noch nie so einfach gewesen, ihrem skrupellosen Geschäft nachzugehen, sagt ein Experte.
  • Die Schlepper bieten ihre Dienste mittlerweile ungeniert über Facebook an.
  • Wenn die Migranten in Libyen ankommen, haben sie meist schon einen strapaziösen und teuren Trip durch die Sahara hinter sich.
Von Paul-Anton Krüger, Kairo

Von einer Million Flüchtlinge, die in Libyen auf die Überfahrt über das Mittelmeer warteten, sprach Bundesinnenminister Thomas de Maizière neulich - woher er die Zahl nimmt, sagte er nicht. Andere Schätzungen gehen von 500 000 oder 600 000 Menschen aus, die bereit sind, ihr Leben zu riskieren, um nach Europa zu gelangen. "Die Wahrheit ist: All diese Zahlen sind spekulativ. Es gibt keine Statistiken in Libyen, die Grenzen sind offen und viele Entscheidungen für den Aufbruch fallen kurzfristig", sagt Othman Belbeisi, Missionschef der Internationalen Organisation für Migration (IOM). Er arbeitet zurzeit von Tunesien aus, hat aber noch Mitarbeiter in Libyen.

Belbeisi sieht in dem Bürgerkrieg in Libyen einen maßgeblichen Faktor für den erwarteten Anstieg der Überfahrten - und zu befürchtender weiterer Katastrophen. Es sei noch nie so einfach gewesen, für Schlepper und Menschenschmuggler, ihrem skrupellosen Geschäft nachzugehen, sagt Belbeisi.

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Niemand kontrolliert mehr die Grenzen in Libyen - im Süden nicht, von wo die Migranten aus Ländern des subsaharischen Afrikas ins Land kommen, und auch nicht im Norden, an der Mittelmeerküste, von wo sie zusammen mit anderen Flüchtlingen aus dem Nahen Osten in See stechen. Die Küstenwache in der Gegend um die Hauptstadt Tripolis ist seit Januar nicht mehr ausgelaufen, wie deren Kommandeur Sobhi Bishr jüngst der New York Times bestätigte. Und käuflich ist in Libyen derzeit fast alles und fast jeder. Die Schlepper bieten ihre Dienste mittlerweile ungeniert über Facebook an - einschließlich Kontaktnummer in Libyen.

Jeder arbeitet mit jedem zusammen

Die Milizen in Libyen, die den zerfallenden Staat als lokale Ordnungsmächte abgelöst haben, seien "in alle Aspekte des Menschenschmuggels involviert", sagt Belbeisi. Beim Namen will er die Gruppen aus Sicherheitsgründen nicht nennen. Aber wenn "Leute mit Waffen in der Hand Flüchtlinge zwingen, sich von einem Ort zu einem anderen zu bewegen oder auf ein Boot", dann könne man sicher von der Beteiligung von Milizen ausgehen. Die Flüchtlinge werden dabei oft von einem Schmugglernetzwerk in die Hände eines anderen weitergegeben - organisierte Kriminalität, Menschenhändler, Schlepper, Milizen, jeder arbeitet mit jedem zusammen.

Für viele der Milizen sind die Flüchtlinge angesichts des Chaos und einer im Zusammenbruch befindlichen Wirtschaft inzwischen zu einer wichtigen Einnahmequelle geworden - ob sie Schutzgelder und Bestechung von den Schleppern kassieren oder direkt am Menschenhandel beteiligt sind. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen ist der Menschenschmuggel über das Mittelmeer allein von Libyen aus im vergangenen Jahr zu einer Industrie angewachsen, die 170 Millionen Dollar umsetzte. Die Strände von der tunesischen Grenze über Suwara, die Hauptstadt Tripolis und Garabouli bis nach Misrata kontrollieren die Morgenröte-Milizen der Gegenregierung in Tripolis, ein loses Bündnis lokaler und islamistischer Einheiten. Von dort legen die meisten Seelenverkäufer ab, weil Europas Küsten hier am nächsten sind.

Viele werden schon auf dem Weg nach Libyen misshandelt

Wenn die Migranten in Libyen ankommen, haben sie meist schon einen strapaziösen und teuren Trip durch die Sahara hinter sich - viele werden schon auf dieser ersten Etappe geschlagen, beraubt oder misshandelt. Das Geschäft mit den Flüchtlingen ist derzeit so gut, dass selbst verfeindete Stämme ihre Rivalitäten hintangestellt haben, um an den Transfers durch die Sahara zu profitieren. Die Migranten werden dafür in vierradgetriebene Jeeps, Lastwagen oder gar Schiffscontainer gepfercht. Wie viele von ihnen hier schon ihr Leben lassen mussten, ist nicht bekannt. Flüchtlinge berichten aber immer wieder von Leidensgenossen, die verdursten, in der Wüste liegen gelassen werden. Im Süden Libyens setzen sie die Flüchtlinge dann teils in der Wüste aus oder verkaufen sie direkt an libysche Schmuggler weiter.

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Zusammengepfercht und unter übelsten hygienischen Bedingungen müssen viele von ihnen dann oft monatelang in Lagern ausharren, die von der IOM zutreffender als "Detention Centers" bezeichnet werden, als Haftanstalten. Von den 19 einst mit Hilfe der EU eingerichteten und vom Direktorat zur Bekämpfung illegaler Einwanderung (DCIM) verwalteten Auffanglagern sind laut der IOM noch elf in Betrieb. Die Zustände dort seien nicht ganz so schlimm wie in den Camps der Milizen, sagt Belbeisi, aber auch dort fehle es an "grundlegender Infrastruktur und Hygiene", die Menschen würden über lange Zeiten eingesperrt und teilweise misshandelt.

Afrikanische Migranten sitzen zusammengepfercht in einem Lager in der libyschen Hauptstadt Tripolis

(Foto: AFP)

Afrikanische Migranten sitzen eingesperrt in einem Lager in der Stadt az-Zawiyya, im Nordwesten Libyens. (Archivbild aus dem Jahr 2014)

(Foto: Reuters)

Vor allem Afrikaner dunklerer Hautfarbe müssen Übergriffe fürchten

"Unmenschlich" und "völlig inakzeptabel" seien die Bedingungen in den vielen weiteren Zentren, oft nur leerstehenden Gebäuden, in denen die Milizen oder andere Schlepper und Menschenhändler Migranten gefangen hielten, sagt IOM-Mann Belbeisi weiter. Flüchtlinge berichten reihenweise über schwere Misshandlungen, Folter, Erpressung. Sie werden teils für Monate in Zwangsarbeit verkauft, Frauen auch in Zwangsprostitution. Sie müssen schuften für das Geld, mit dem sie die Überfahrt bezahlen. Oft werden ihre Familien erpresst, die Flüchtlinge gefoltert, während sie ihre Verwandten anrufen müssen. Bewaffnete halten sie in Schach. Vor allem Afrikaner dunklerer Hautfarbe müssen zudem Übergriffe fürchten, wenn sie sich außerhalb der Camps bewegen können. Sie werden oft ausgeraubt, was ihr Martyrium noch verlängert.

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Auch das ist ein Grund für den Ansturm: War für viele Afrikaner früher ein Job im wohlhabenden Libyen das Ziel, treibt sie die schlechte Sicherheitslage, der grassierende Rassismus und der Zusammenbruch der Wirtschaft aufs Meer. Das erklärt den Anstieg von Flüchtlingen aus Herkunftsländern wie Gambia oder Senegal. Sie sind bei der Überfahrt aber noch stärker gefährdet als etwa Flüchtlinge aus arabischen Ländern. Die Schlepper setzen sie in die schlechtesten Boote, oft steuern sie gar in Schlauchbooten mit Außenbordmotoren auf hohe See. Syrer etwa, die oft aus der Mittelklasse ihres Landes stammen und ihren Besitz verkaufen konnten, zahlen oft weit höhere Summen und gelangen dann auf größere Boote, die eine bessere Überlebenschance bieten. Es gibt Berichte aus Libyen, dass Syrer sich zusammentun, um selber Boote zu kaufen, weil sie den Schleppern nicht trauen.