Leserkommentare zur Europa-Recherche Die Macht des Englischen

Alles auf Englisch? Oder mehr sprachliche Vielfalt? (Foto: Ein Fußgänger vor dem Union Jack in London)

(Foto: Simon Dawson/Bloomberg)

Beweis für "geistige Armut" oder eine überfällige Forderung? Unser Plädoyer für eine Englisch sprechende EU hat im Rahmen der Europa-Recherche eine Kontroverse ausgelöst. Und könnte auch manche Wahlentscheidung am Sonntag beeinflussen.

Von Sabrina Ebitsch

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

es ist ja nicht so, dass nur Sie lesen, was wir schreiben. Wir lesen auch, was Sie uns schreiben und reagieren darauf. Zu einem Beitrag unserer Europa-Recherche, der auch der meistgelesene war, haben uns nun so viele und so viele fundierte Leserkommentare erreicht, dass wir sie auch publik machen wollen.

Der Text von Matthias Kolb "Let's face it: Europa muss Englisch sprechen" hat in der vorigen Woche eine Debatte angestoßen, die wir mit Ihnen weiterführen möchten. Er plädiert darin für eine Abkehr von nationalen Eitelkeiten und für ein klares Bekenntnis zum Englischen als Lingua franca der EU. Die Europäer, fordert Kolb, müssten mehr und besseres Englisch lernen, um eine europaweite Kommunikation auf Augenhöhe und damit endlich auch eine europäische Öffentlichkeit herzustellen. Darüber hinaus weitere Fremdsprachen zu lernen, sei jedoch ebenso wünschenswert.

Eine provokante These, zumal sich der Bundestag doch erst vor kurzem unüberhörbar Sorgen um den Stellenwert des Deutschen gemacht hat. Viele Leser sind da auch eher auf Seiten von Bundestagsvize Johannes Singhammer, der eigens für zwei Tage nach Brüssel gefahren ist, um für mehr Übersetzungen ins Deutsche zu werben. Sie argumentieren, dass - gemessen an der Zahl der Muttersprachler - Deutsch die wichtigste Sprache der EU sei, weit vor dem Englischen.

Ein weiterer wichtiger Punkt der Gegner: die kulturelle Vielfalt, derer sich Europa gerne rühmt. Der Fokus auf eine dominante Sprache, fürchten sie, würde die Bedeutung anderer, kleinerer Sprachen sinken lassen und zu einer Verarmung führen. Auch weitere Vorschriften aus Brüssel im Sinne einer "English first"-Richtline lehnten europakritische Leser rundweg als "großen Fehler" oder "lächerlich" ab. Die Kontroverse gipfelte in dem Vorwurf der "geistigen Armut", den Matthias Kolb seinem "liebsten Leserbrief" entnommen hat.

Sprachkenntnisse und politische Macht

Die Gegenfraktion argumentiert da etwas weniger staatstragend mit den Kosten in Millionenhöhe für die Übersetzungsarbeit. Pragmatismus auch an dieser Stelle: Warum den Muttersprachlern den Verhandlungsvorteil überlassen, wenn doch Englisch im politischen Europa ohnehin Verkehrssprache ist? "Wenn die DolmetscherInnen abends nach Hause gegangen sind, unterhalten sich die Ländervertreter im Rat auch nur noch auf Englisch - was sollten sie auch sonst tun?", berichtet ein Leser.

Auch im Parlament, meldet ein weiterer Leser aus eigener Erfahrung, sei das Englische dominant, von der Kaffeepause über den Flurfunk bis hin zu den "entscheidenden politischen Verhandlungen". Er macht auch die Wahlentscheidung zur Europawahl am Samstag von den Englischkenntnissen der Abgeordneten abhängig: "Will ich für einen Kandidaten stimmen, der wahrscheinlich nicht handlungsfähig ist, weil ihm die nötigen Sprachkenntnisse fehlen?" Man müsse schlicht zwischen Identitätsanspruch auf der einen und effektiver Kommunikation und politischem Einfluss auf der anderen Seite abwägen.

Manch ein Leser will noch einen Schritt weitergehen und - aus Gründen der Chancengleichheit - lieber das Lateinische oder Esperanto zur EU- oder Weltsprache erheben. Grammatik und Grundwortschatz der Plansprache, berichtet ein Esperanto-Anhänger, könne man ohne weiteres in vier Wochen lernen.

Themenvorschläge für die neue Recherche-Runde

Mit der Forderung, den "sehr wichtigen Artikel" pro Englisch selbst vollständig ins Englische zu übertragen, schließt sich dann, nicht ohne eine gewisse Ironie, der Kreis.

Was meinen Sie? In English, please? Oder jeder nach seiner sprachlichen Façon? Schreiben Sie uns, wir freuen uns auf weitere Meinungen zum Thema.

Schreiben Sie uns aber auch, wenn Sie weitere Themenvorschläge haben. Nach dem Abschluss der Europa-Recherche starten wir in Kürze in die nächste Runde unseres Projekts Die Recherche. Wir wollen dann wieder eine Auswahl der häufigsten Leserwünsche nach bestimmten Recherchethemen zur Abstimmung stellen. Sie können dann wählen, welchen Schwerpunkt die SZ-Redaktion bearbeiten soll. Bis dahin: Twittern, posten, mailen Sie, welches Thema Ihnen besonders am Herzen liegt.

Vielen Dank fürs Mitmachen,

Sabrina Ebitsch, Team Die Recherche

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