Sachsen-Anhalt Die unheimliche Anziehungskraft der NPD

20 Jahre war Hans Püschel in der SPD. Jetzt macht der Bürgermeister des kleinen Ortes Krauschwitz Wahlkampf für die rechte NPD - aus Frust, weil alles wegbricht, was er nach der Wende mit aufbauen half.

Von Christiane Kohl

Der alte Spitzgiebel ist mit immergrünen Kletterpflanzen berankt, dahinter schimmert eine orangefarbene Fassade hervor. Das Haus wirkt anheimelnd verwunschen, doch an dem großen braunen Holztor warnt ein rotes Schild: "Vorsicht, bissiger Hund". Drinnen sitzt Hans Püschel in Trainingshosen am Computer und sinniert über Deutschland.

Alles laufe auf eine Katastrophe zu, glaubt der Ortsbürgermeister aus dem Dorf Krauschwitz bei Weißenfels in Sachsen-Anhalt - "das System muss umkippen, das geht ja gar nicht anders", fürchtet er. Denn was auch immer man wähle, es komme eigentlich immer dieselbe Politik heraus, findet Püschel, derweil würden die "wahren Probleme" jedoch immer größer.

Und deshalb hat sich der 62-Jährige mit dem Fünf-Tage-Bart zu einer radikalen Kehrtwende in seinem politischen Leben entschlossen: Seit dem Ende der DDR war der studierte Ingenieur mehr als 20 Jahre lang für die SPD aktiv - bei den kommenden Landtagswahlen am 20. März kandidiert er hingegen für die rechtsradikale NPD.

Püschels Schritt löste erheblichen Ärger bei seinen sozialdemokratischen Parteifreunden aus, einem Ausschluss kam er gerade noch durch Austritt zuvor. Jetzt rätseln die Genossen von einst, was den ostdeutschen Sozialdemokraten der ersten Stunde wohl veranlasst haben könnte, der SPD den Rücken zu kehren - immerhin hatte Püschel 1990 die SPD in Sachsen-Anhalt mit aufgebaut, er galt stets als engagierter Sozialdemokrat, der etwas bewegen konnte in seinem Ort.

Indes hatten sogar Parteifreunde, die näher mit dem Krauschwitzer Bürgermeister zu tun hatten, offenbar nie bemerkt, wie sehr sich der Kommunalpolitiker in den vergangenen Monaten mehr und mehr nach rechts bewegt hatte. So hielt Rüdiger Erben, der SPD-Vorsitzende im Burgenlandkreis, Püschel bislang eher für einen Parteilinken: "Ich hätte wetten können, dass er, wenn überhaupt, zur Linkspartei wechseln würde."

Selbst Pfarrer Thomas Wisch, der für Krauschwitz mit seinen etwa 550 Einwohnern zuständig ist, zeigt sich erschrocken und verwundert über den Schritt des Kommunalpolitikers: Püschel hatte stets die Orgel im Gottesdienst gespielt, als Kirchenältester war er zudem viele Jahre lang einer der wichtigsten Ansprechpartner im örtlichen Kirchenvorstand für Wisch gewesen.

Mittlerweile hat der Kreiskirchenrat seinem ehrenamtlichen Helfer Püschel jedoch das Amt entzogen - weil eine Kandidatur für die NPD unvereinbar sei mit der Position eines Kirchenältesten, wie der Superintendent erklärte. Pfarrer Wisch aber beteuert: "Wir haben immer wieder versucht, ihm eine Brücke zu bauen."

Das waren wohl vergebliche Mühen. "Viele Gemeindemitglieder können es einfach nicht verstehen, was Püschel umtreibt", sagt Wisch jetzt. Doch der Pfarrer will auch nicht behaupten, dass der Kommunalpolitiker mit seinem Denken in der Region ein Einzelfall ist: "Das Problem ist, dass viele Menschen hier denken, die NPD sei eine normale bürgerliche Partei", sagt Wisch.

Wenn der Geistliche über mögliche Ursachen für Püschels plötzlichen Rechtsruck nachdenkt, fallen ihm auch allerlei Gründe ein: "Vielleicht hat sich einfach zu viel Frust bei ihm aufgestaut." Frust, der etwa dadurch entstanden sein könnte, dass viele Errungenschaften und Einrichtungen, die der Kommunalpolitiker in den ersten Jahren nach der Wende mit aufgebaut hatte, nun Zug um Zug wieder eingerissen würden. "Wir erleben hier einen massiven Abbau von Strukturen", sagt Pfarrer Wisch. Für die Betroffenen sei das nicht immer einfach zu verkraften.

Es geht um das sogenannte Demographie-Problem, das manche Regionen in Sachsen-Anhalt besonders stark trifft: Tag für Tag verliert das Land durchschnittlich mehr als 70 Einwohner. Noch immer zieht es viele Bewohner gen Westen. Und weil diejenigen, die im Land blieben, weniger wurden, kommen heute auch weniger Kinder zur Welt.

Schon wurden allerorten Schulen, Kindergärten oder auch Polizeistationen geschlossen, die großteils erst nach der Wende eröffnet worden waren. Krankenhäuser machen dicht, Bundeswehrstandorte verschwinden, und auch die Bedeutung der Wohnorte wurde in den Augen der Bürger Zug um Zug abgewertet - durch die Gebietsreformen. So war der Ort Hohenmölsen unweit von Krauschwitz nach der Wende zur Kreisstadt erklärt worden; heute wirkt das Städtchen wie ein toter Ort. "Am Marktplatz bei der Kirche lebt kaum noch jemand", sagt Pfarrer Wisch, "ich bin hier fast der Einzige."

Auch andernorts bekommen die Bewohner immer stärker den Bevölkerungsschwund zu spüren. "Hier gehen doch alle weg", sagt etwa im Ort Oschersleben bei Halberstadt ein Kfz-Mechaniker. "Zurück bleiben nur die Doofen." Mit den Politikern sei auch nichts mehr anzufangen: "Die schweben über den Wolken und streiten sich nur", meint der Kfz-Meister.

Unterdessen gebe es immer weniger Anreize für die verbliebenen Menschen, überhaupt zur Arbeit zu gehen: "Ein Hartz-IV-Empfänger bekommt teilweise ja mehr Geld, als ein Facharbeiter nach Abzug seiner Kosten übrig hat", sagt der Mechaniker. Unter solchen Bedingungen sei es immer schwieriger, Mitarbeitern einen akzeptablen Lohn zu bieten. Dabei, sagt der Inhaber einer Autowerkstatt, "werden wir als Mittelstand doch überall geschröpft".

Auf diesen Mittelstand zielt die NPD mit ihrer Parteienwerbung im Landtagswahlkampf. In ihren smarten Anzügen geben sich die Rechtsextremen betont bürgerlich und thematisieren stets aufs Neue das Demographie-Problem. Zwar liegt die NPD in den Umfragen bislang bei drei Prozent, doch ein Neuzugang wie der des Kommunalpolitikers Püschel dürfte den NPD-Wahlstrategen wie ein Sechser im Lotto vorgekommen sein: Endlich wirbt einer aus der Mitte der Gesellschaft für sie, der Mann vertritt punktgenau die Zielgruppe, auf die es die Rechten abgesehen haben.

In seinem Arbeitszimmer zählt Püschel gerade auf, was in seiner Zeit als Krauschwitzer Bürgermeister alles getan wurde: "Die Feuerwehr haben wir modernisiert und die Fahrzeugtechnik sowie jede Menge Straßen gebaut - die gemeindliche Struktur ist in Ordnung." Doch bei der jüngsten Gebietsreform wurde Krauschwitz dem Städtchen Teuchern als Ortsteil zugeschlagen, und Püschel vom Bürgermeister zum Ortsbürgermeister degradiert. Hatte das vielleicht seinen Stolz zu sehr verletzt? "Nein", behauptet Püschel, "was mich stört, ist das Szenario für meine Enkel: Wie sollen die hier noch leben, wenn alles den Bach heruntergeht?"

Landschaftsbilder hängen an den Wänden seines Arbeitszimmers, in den Regalen stehen Bücher über Geographie. An der Wand hängt eine blaue Maske - Püschel spielt bei einer Laienschauspielbühne mit. In den ersten Jahren nach der Wende, erzählt er, da habe man wirklich etwas bewegen können - "da konnte ich einen Förderantrag für die Kirchenrenovierung noch handgeschrieben in den Geschäftsgang geben". Inzwischen aber sei "alles nur noch Bürokratie", findet Püschel, "diese Demokratie ist doch in Wahrheit lediglich formal".

Und so hat sich der einstige Sozialdemokrat Püschel jetzt einen ziemlich merkwürdig klingenden Plan zur Rettung der Demokratie ausgedacht: "So wie die Grünen früher in Sachen Umweltpolitik Druck auf die anderen Parteien ausgeübt haben", will er jetzt "mit der NPD das Demokratiethema nach vorne puschen". Ausgerechnet. Und Püschel könnten dabei womöglich nicht wenige Menschen folgen. Weil sie es wie er enttäuschend finden, dass man sich erst für den Wiederaufbau engagierte und nun zuschauen muss, wie viele Einrichtungen wieder abgebaut werden.