Krude Theorien um 9/11 "Verschwörungsglaube - eine Ideologie aus der Mitte der Gesellschaft"

Risse im eigenen Weltbild kitten und andere dämonisieren: Autor Daniel Kulla erklärt, wie Anhänger von Verschwörungstheorien ticken, welche Rolle das Internet bei der Verbreitung von Gerüchten spielt - und warum viele Verschwörungsgläubige jüdische Drahtzieher hinter den Anschlägen vom 11. September wähnen.

Interview: Bastian Brinkmann

Daniel Kulla, 34, ist ein Ostberliner Autor, Sänger und Blogger. Er war kurz Chefredakteur des Jugendmagazins Spiesser, schrieb eine Biographie über einen Gründer des Chaos Computer Clubs, singt Lieder über den Kommunismus und schreibt im Moment ein Buch über Drogen und Räusche. Kulla hat sich ausführlich mit Verschwörungstheorien beschäftigt. In seinem Buch "Entschwörungstheorie. Niemand regiert die Welt" beschreibt er, was offene Verschwörungstheorien sind: Sie fragen, ob Terrorgruppen, Geheimdienste oder Konzerne hier tatsächlich etwas Fieses ausgeheckt haben. Dagegen stellen geschlossene Verschwörungstheorien nur Fragen, die sie vorher schon beantwortet haben - das könne gefährlich werden.

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sueddeutsche.de: Warum sollen wir uns entschwören, wie es ihr Buchtitel fordert?

Daniel Kulla: Es geht mir nicht darum so zu tun, als gäbe es keine Verschwörungen. Es ist nur wichtig, zu unterscheiden. Da sind auf der einen Seite die realen Verschwörungen: Zwei oder mehr Personen verfolgen ein illegales oder illegitimes Ziel. Diese Verschwörer können meist nur in einem begrenzten Rahmen handeln, sie kann man nüchtern analysieren. Auf der anderen Seite stehen die Konstruktionen allmächtiger Weltverschwörungen, die Selbstbestätigung und Terror begünstigen.

sueddeutsche.de: Mal ein Beispiel: Nachdem der Abhörskandal der News of the World bekannt wurde, habe ich in der Kommentarspalte auf sueddeutsche.de gelesen: "Ich denke, dass die Bespitzelung bis in die Amtszeit von Tony Blair zurückreicht. Es ist schlimm, wie kriminell es sich die Mächtigen einrichten! Ich vermute, dass das nur die Spitze des Eisberges ist." Ist das noch gesunde Skepsis oder schon Verschwörungsdenken?

Kulla: Das Beispiel scheint mir grenzwertig. Es wird vom Verdacht zur Faktenbehauptung gesprungen - erst "denkt" er's, dann "ist" es schon schlimm. Dennoch ist der Verdacht gegen Regierungen oft genug begründet, um ihn zunächst mal zu verfolgen. Ich kann aus dem Kommentar aber nicht herauslesen, dass der User dem Fall nun weiter nachzugehen gedenkt, um seinen Verdacht zu überprüfen - eher scheint sein Vermuten schon das Ende der Überlegung zu sein. Der Fall ist wie so oft im geschlossenen Verschwörungsdenken mit der Beschuldigung schon abgeschlossen.

sueddeutsche.de: Vor einigen Wochen hat Anders Behring Breivik blutige Attentate in Norwegen verübt. Er wähnte sich in einem Europa, dass von Muslimen überrannt wird. Ist er ein Verschwörungstheoretiker?

Kulla: Auffällig ist Breiviks effektive Selbstausbildung und seine erstaunliche Quellenauswahl - sie besteht zum allergrößten Teil nicht aus verschwörungsideologischem Material. Ich halte es für falsch, ihn per Beschriftung als "Verschwörungstheoretiker" oder bloßer Wahnsinniger beiseite bekommen zu wollen.

sueddeutsche.de: Auf die 9/11-Rückblicke dieser Tage antworten viele mit Verschwörungstheorien. Warum glauben zehn Jahre später immer noch so viele Menschen nicht an einen Terroranschlag?

Kulla: Gerade in Deutschland ist 9/11 ein Dauerbrenner. Das Amerikabild vieler Deutscher ist nicht sehr positiv. Sie freuen sich, dass es mit den USA vermeintlich bergab geht. Dass die Amerikaner 9/11 selbst inszeniert haben, erscheint für sie als Pointe der Geschichte, denn den USA gehe es zehn Jahre später ja nicht wirklich besser. Bei den Verschwörungserzählungen zu 9/11 ist allerdings nicht der Anfangsverdacht gegen die US-Regierung und den Geheimdienst das Problem, sondern das Festhalten daran - denn die Beweislage ist anders.

sueddeutsche.de: In 9/11-Verschwörungen wird oft antisemitisch argumentiert: Juden seien beispielsweise gewarnt worden, an dem Tag nicht ins World Trade Center zu gehen. Wie judenfeindlich ist die Verschwörungs-Szene?

Kulla: Die Vorstellung einer jüdischen Weltverschwörung ist die weltweit wohl am weitesten verbreitete Verschwörungsideologie der letzten hundert Jahre. Ideen wie die, dass eine extrem kleine Clique aus der Hochfinanz oder der Politikelite die Weltgeschicke lenken, haben eine ähnliche Struktur: Es gebe noch irgendjemanden hinter der realen, bürgerlich-demokratischen Herrschaft - die finsteren Weltenlenker. Insofern passt es, dass der antisemitische Teil der deutschen Bevölkerung hinter den Anschlägen vom 11. September noch die jüdischen Drahtzieher erkennen. Doch nicht jedes Verschwörungsdenken ist automatisch antisemitisch.

sueddeutsche.de: Warum glauben Menschen überhaupt an Verschwörungstheorien?

Kulla: Die Verschwörungsideologie kommt aus der Mitte der Gesellschaft. Sie knüpft an den Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus der Mehrheitsgesellschaft an - und spitzt diese lediglich zu: Wer sich etwa mit den Interessen der deutschen Regierung identifiziert, wird den 9/11-Verschwörungserzählungen eher Glauben schenken, die die USA abwerten und somit Deutschland aufwerten. Verschwörungsideologen stellen also ihre eigene Gruppe besser.

sueddeutsche.de: Wie denken Verschwörungstheoretiker?

Kulla: Sie kitten einen Riss in ihrem Weltbild und dämonisieren dafür andere: Den Lieblingsfeinden können sie sämtliche Missstände und Verbrechen pauschal anlasten, die Welt wieder verstehen und sich selbst auf der richtigen Seite sehen. Man wird von den "Richtigen" akzeptiert und von den falschen angemessen verachtet, zu denen man eh nicht gehören möchte. Man kann sich wieder wichtig vorkommen, gerade wenn man es nicht zu sein scheint. Der Verschwörungsideologe rückt also seine eigene Welt zurecht. Während in öffentlichen Debatten zumindest Zugeständnisse an Wissenschaftlichkeit gemacht werden, wird im geschlossenen Verschwörungsdenken munter zwischen den Indizien herumgesprungen. Das wirkt freigeistig und offen, ist aber nur eine Travestie von Aufklärung und Kritik.

sueddeutsche.de: Viele Verschwörungstheorien stehen online. Verändert das Internet das Verschwörungsdenken?

Kulla: Es beschleunigt den Austausch - so verbreiten sich Gerüchte und Halbwissen schneller, aber auch Widerlegungen, Kritik und wissenschaftliche Untersuchungen. Die meisten der heute weltweit populären großen Verschwörungserzählungen haben sich jedoch durch Bücher und Filme verbreitet - Grundlagen des heutigen Antisemitismus finden sich in den Protokollen der Weisen von Zion oder vielen UFA-Filme in den 1930er und 40er Jahren.

sueddeutsche.de: Wie kann ich verhindern, dass ich als skeptischer Mensch plötzliche einer Verschwörungstheorie aufsitze?

Kulla: Man muss sich selbst befragen, was man überhaupt warum glaubt. Welches Interesse man verfolgt, wessen Interesse man teilt. Wie schwierig das ist, hat Terry Pratchett in seinem Sciene-Fiction-Roman Fliegende Fetzen beschrieben. Er lässt einen Hauptmann überlegen, ob es die eigenen Herrscher waren, die einen Anschlag fingiert haben könnten. "Es war viel einfacher, sich Männer in irgendeinem verrauchten Zimmer vorzustellen, von Privilegien und Macht um den Verstand gebrachte Personen, die beim Brandy Intrigen spannen. An einem solchen Vorstellungsbild klammerte er sich fest. Sonst musste er sich der unangenehmen Tatsache stellen, dass schlimme Dinge passierten, weil ganz gewöhnliche Leute - Menschen, die den Hund bürsteten und ihren Kindern Gutenachtgeschichten erzählten - fähig waren, Schreckliches mit anderen ganz gewöhnlichen Leuten anzustellen. Ja, es war viel einfacher, Verschwörern die Schuld zu geben. Wenn Sie dahinterstecken, dann trifft uns überhaupt keine Schuld." In Anlehnung an Sigmund Freud kann man sagen: Man erkennt immer nur die Verschwörungsideologie, die man nicht teilt.

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