Krim-Krise Putins Kleinrussen

In der Krim-Krise scheint Wladimir Putin jetzt moderate Töne anzuschlagen. Aufatmen kann der Westen trotzdem nicht. Russlands Präsident will auch künftig das Sagen über das Schicksal der sogenannten "Kleinrussen" haben. Nun liegt der Ball wieder in Kiew.

Ein Kommentar von Cathrin Kahlweit

Es war einmal ein Staat. Er hieß Ukraine. Formal gibt es ihn zwar noch. Aber der russische Präsident Wladimir Putin hat am Dienstag deutlich gemacht, was er vom Selbstbestimmungsrecht eines Landes hält, das - 23 Jahre nach seiner Unabhängigkeit vom sowjetischen Imperium - endlich so etwas wie innere Nationenbildung betreibt.

Putin heuchelt Verständnis für die armen Ukrainer, die Veränderungen forderten, weil sie von "Schurken" regiert würden. Aber ihr Weg sei: falsch. Ihre Regierung sei: illegitim. Es gelte Orgien von Extremisten und Antisemiten zu verhindern, auch die Vernichtung von Russen.

Desinformation und Zynismus sprechen aus den Sätzen des Mannes, der sich als personifiziertes Väterchen Russland, als besonnener Beschützer eines geplagten Volkes inszeniert. Dabei stellte genau dieser Mann schon 2008 öffentlich fest, die Ukraine sei ja nicht mal ein Staat.

Entwarnung aus Moskau? Nein.

Der Westen reagiert auf Putins Rede erst einmal so erleichtert wie die Börsen: kein Krieg heute oder morgen, Gespräche möglich. Ist da etwa eine Entwarnung zu hören? Das Gegenteil ist der Fall. Putin behält sich vor, in den Osten der Ukraine einzumarschieren. Er behält sich sogar vor, Wahlen im Nachbarland nicht anzuerkennen.

Das bedeutet, dass jeder Versuch der neuen Führung in Kiew, zur Deeskalation und zu einer politischen Lösung der Krise beizutragen, gar so etwas wie Normalität in all dem Chaos herzustellen, zum Scheitern verurteilt sein muss. Die politische Legitimierung einer Regierung, die aus freien Wahlen entstehen könnte, wäre hinfällig, wenn das Ergebnis nicht im Sinne Moskaus ausfällt.

Für die Ukraine ist das, was sich derzeit am Rande ihres Territoriums, aber im Nervenzentrum ihrer Identität als Staat abspielt, eine Katastrophe. Denn Russland negiert eine fragile nationale Einheit, indem es Ost- gegen Westukrainer, russische Ukrainer gegen andere Ethnien ausspielt. Es ist ein zutiefst atavistischer Versuch, eine Entwicklung zu stoppen, die Putin schon deshalb nicht gefallen kann, weil sie den Mythos vom einigen Russland infrage stellt, zu dem - in Moskowiter Diktion - auch die sogenannten Kleinrussen gehören.

Dabei war es eben dieser sorgsam gepflegte Mythos, der nicht nur den Ukrainern, sondern auch etwa den Weißrussen lange die Lebensberechtigung als selbständige Nationalität absprach. Der ukrainische Schriftsteller Mykola Rjabtschuk formuliert das so: Russland werfe den prowestlichen Kräften in der Ukraine vor, sie seien "Häretiker der ostslawischen Umma".

95 Prozent der Ukrainer waren gegen eine Spaltung

Der Volksaufstand in Teilen der Ukraine, der als "Maidan" in die Geschichte eingehen wird, hatte eine Debatte über das ausgelöst, was die Ukraine ist und sein will. Putins Antwort darauf negiert die Realität. In Umfragen, die während des Maidan gemacht wurden, befürworten knapp fünf Prozent aller Ukrainer eine Abspaltung der östlichen oder südlichen Landesteile. 95 Prozent bezeichnen die Ukraine als Mutterland. Aber das war vor der Intervention Moskaus, die bisher weit weniger eine militärische als eine ideologische und damit spalterische war.

Niemand kann die Sorgen der ethnischen Russen im Osten und Süden der Ukraine kleinreden. Aber Wladimir Putin hat es mit seiner Politik der Einmischung in den schwierigen Prozess einer Nationenbildung vermocht, das Gegenteil von dem zu bewirken, was im besten Falle möglich gewesen wäre: Er hat Sezessionstendenzen geschürt - und damit eine Annäherung der extrem polarisierten Gesellschaft verhindert, die nicht vorwiegend "prorussisch" und "nationalistisch" ist, sondern vor allem gespalten in der Frage der Übernahme westlicher Werte.

Die Warnung Moskaus vor Extremisten und Faschisten, die jetzt im Nachbarland das Ruder übernommen hätten, ist ebenso zynisch wie maßlos. Zwar sitzen in der neuen Regierung in Kiew tatsächlich rechtsextreme Kräfte, die keine lupenreinen Demokraten sind, aber das kennt man ja in Moskau zur Genüge.

Die Frage war: Bindet man sie ein in die Verantwortung, oder lässt man sie als freie Radikale den Stabilisierungsprozess nach dem Umsturz torpedieren? In zwei Monaten sollen theoretisch Wahlen sein; dann wird sich zeigen, ob Swoboda oder die Kräfte des rechten Pravij Sektor, so diese als Partei antreten, mehr als jene Minderheit überzeugen können, die sie bisher hinter sich vereinen konnten.

Vor allem aber: Die Ukraine hatte sich unter all ihren Präsidenten nach der Wende, seien es Postkommunisten oder Pseudodemokraten, nicht durch Reformfreude ausgezeichnet. Jede Regierung muss entsowjetisieren, ohne zu derussifizieren. Sie muss westliche Partner anlocken, ohne östliche zu verschrecken. Aber das ist eine ukrainische Entscheidung.